Autor: Rainer Gille
veröffentlicht: 1980

Degenfechten im OFC ?

Gerade hat der OFC sein 30-jähriges Jubiläum gefeiert. An solchen Festtagen pflegen Vereinsfunktionäre im Allgemeinen stolz die Ruhmestaten vergangener Zeiten hervorzuheben. Gleichzeitig blickt man zuversichtlich ob der erreichten Erfolge in die Zukunft. Ich möchte mich in diesem Artikel dieser Praxis nicht ganz anschließen, sondern vielmehr in meiner Eigenschaft als Degenfechter (und auch als "Beirat Degen") das Degenfechten im OFC einer kritischen Würdigung unterziehen. Dabei sollen hier nicht, und das sei ausdrücklich vorangestellt, die Leistungen und Erfolge derer, die sie in der Vergangenheit erfochten haben, geschmälert werden.

Aber gerade die erzielten Erfolge im Degenfechten (3 Titel und zahlreiche vordere Plätze bei den DMM) stimmen nachdenklich.

Hält es der Chronist zum 25-jährigen Vereinsjubiläum in der dazu erschienenen Festschrift nicht ohne Stolz für besonders erwähnenswert, daß der erste Degentitel mit nur einem Degenfechter in der Mannschaft errungen wurde, so meine ich, dieses "Husarenstück" läßt sich auch ganz anders interpretieren. Man kann in dieser Mitteilung auch die Bankrotterklärung eines Vereins für den Degenbereich erblicken: der OFC war nicht in der Lage, eine auf nationaler Ebene konkurrenzfähige Degenmannschaft ins Rennen zu schicken. Wenn auch vom ersten Titelgewinn an (1965) die Zahl der Degenfechter in der Mannschaft von einem auf drei stieg (so seit 1970), so hat sich doch an der ursprünglichen Situation nichts Wesentliches geändert. Dies muß um so mehr gelten, wenn man berücksichtigt, daß es einen gesunden "innerbetrieblichen" Konkurrenzkampf zur Besetzung der Degenmannschaft mangels "Masse" nicht gab und auch noch nicht gibt. Vergleicht man diese Lage mit den anderen Waffen, so muß dies einen Degenfechter recht traurig stimmen.

Auch ein Blick in den Juniorenbereich - hier hat es kaum eine Mannschaft geschafft. sich für die nationalen Meisterschaften zu qualifizieren - korrigiert den Eindruck aus dem Aktivenbereich nicht. Fazit:

Das Degenfechten führt im OFC ein kümmerliches (man könnte auch schreiben jämmerliches) Randdasein.
Mir als Degenbeirat stellt sich an dieser Stelle die Frage (und Aufgabe), wie das Degenfechten im OFC hinsichtlich Qualität und Quantität an die anderen Waffen heranzuführen ist. Ein sinnvoller Weg zu diesem Ziel kann nur beschritten werden, wenn zunächst die Ursachen für die heutige Misere erkannt werden, damit die Fehler der Vergangenheit in Zukunft vermieden werden. Der Hauptgrund für die derzeitige Situation scheint mir darin zu liegen, daß es bei den OFC-Mitgliedern, insbesondere auch bei den Jugendlichen, ein wenig am Bewußtsein gefehlt hat (und vielleicht sogar noch fehlt), daß der Degen auch eine Waffe ist, die es sich zu fechten lohnt. Verwundert kann man über dieses Degen (-Nicht-) Bewußtsein nicht sein, wenn man die junge Vereinsgeschichte berücksichtigt; vielmehr erscheint dieses Bewußtsein als zwangsläufige, natürliche Folge der kurzen Vereinstradition.

Ausgehend von einer kurzen Aufbauphase stellten sich schon sehr schnell im Florett und Säbel große Erfolge auf nationaler Ebene ein. In dieser frühen Phase fehlte das Degenfechten vermutlich einfach deshalb, weil die ersten Vereinsmitglieder "von Hause aus" Florettisten und Sabreure waren. So zu großen Vereinsehren gekommen, war es nur allzu verständlich, daß die im deutschen Fechtsport dominierende Stellung verteidigt und gehalten werden sollte. Dazu bedurfte es sicher aller Anstrengung seitens des Vereins, so daß für den Degenbereich nicht so sehr viele Kräfte übrigblieben. Insbesondere die Talentsuche und -förderung wurde hauptsächlich dazu benutzt, Nachwuchs im Florett und Säbel heranzuziehen. Andererseits ist auch verständlich, daß bei den Jugendlichen selbst nur in Ausnahmefällen der Wunsch aufkam, Degen zu fechten. Denn gerade in dieser Waffe fehlt es an Anreiz, erfolgreichen großen Vorbildern im Verein nachzueifern.

Ausgehend von dieser Situation muß, wenn im OFC Degen gefochten werden soll, zunächst einmal der Blick für diese Waffe geschärft werden. Es muß ins Bewußtsein aller OFC-er, insbesondere der Jugendlichen, dringen, daß auch der Degen eine attraktive Waffe ist, die - gemessen am internationalen Standard - dem Florett oder Säbel in Nichts an Schnelligkeit und Sportlichkeit nachsteht.

Parallel zu einer positiven Entscheidung für das Degenfechten muß der Aufbau in dieser Waffe beginnen. Dabei können nicht kurzfristige schnelle Erfolge im Vordergrund stehen, wenn das Degenfechten im OFC etabliert werden soll. Mir erscheint es sinnvoller, in einem langfristigen Zeitraum von etwa fünf bis zehn Jahren die Waffe von "unten her" aufzubauen. Dabei müßte die erste Aufbauphase mit einer intensiven Jugendarbeit eingeleitet werden. Wie diese im Einzelnen auszusehen hat, kann hier nicht abschließend erörtert werden, da dazu auch unbedingt die Trainer gehört werden sollten. Aber aus organisatorischer Sicht erscheint der folgende Weg gangbar. Man könnte das Degenfechten in den schon bestehenden Schüler- und Jugendgruppen einführen, indem diese einmal wöchentlich oder im Abstand von zwei Wochen regelmäßig Degen fechten. Dabei erscheint es möglich, den einen oder anderen fest für die Waffe zu engagieren. Diese Jugendlichen könnte man dann in einer weiteren Aufbauphase zu einer eigenen Trainingsgruppe zusammenführen, die schließlich in der letzten Phase an das Erwachsenendegentraining (soweit vorhanden) angegliedert werden kann.

Von ausschlaggebender Bedeutung zur Verwirklichung eines solchen Planes ist das Engagement aller Übungsleiter und Trainer.

Denn ohne eine kontinuierliche Betreuung der Jugendlichen) während ihrer fechterischen Ausbildung ist der Degenaufbau von der Basis her zum Scheitern verurteilt.