Autoren:
Walter Winkelmann (Hans von der Linden)
veröffentlicht: 1987
Die Geschichte des Sportfechtvereins Waffenbrüderschaft Essen e.V.
1925-1950
Wenn ich zurückblicke auf meine 60 Jahre Leben mit dem Fechtsport, muß ich mich fragen, ob es das wert war, ein Menschendasein dem Sport, dem Fechten zu widmen, ja zuweilen zu opfern. Von meiner ersten Begegnung an mit dem faszinierendsten Sport, den ich kenne, im Jahre 1924 auf der Ausstellung "Unser Sport" in Essen, bestimmte der Fechtsport weitgehend mein privates Leben.
Meine erste Berührung fiel in eine turbulente Zeit, verwirrt bis zum Chaos, wie es jede Nachkriegszeit ist. 1924 hatte Essen 470.000 Einwohner und war seit 1923 als Kriegsfolge von den Franzosen besetzt. Viele meiner Landsleute wehrten sich aktiv und passiv gegen die fremde Obrigkeit, wurden verhaftet und verurteilt. Es gab sogar Tote. Einer davon war mein Dozent an der staatlichen Maschinenbauschule, Dr. Besig, von dem der damals ungewöhnliche Ausspruch stammt: "Die Nachwelt wird uns noch mal verfluchen, weil wir die Kohle einfach so direkt verfeuert haben!" Zu Grabe getragen wurde er in Blankenstein an der Ruhr, wohin wir Studenten demonstrativ zu Fuß marschierten. Die Billioneninflation war gerade überwunden, eine Mark war wieder eine Mark; 4 Brötchen kosteten 10 Pfennig, 1 Glas Bier 20 Pfennig. Essens Obersbürgermeister Luther wurde Reichsminister in Berlin.
Aber auch damals war der Sport bereits ein Ausgleich für den grauen Alltag, wenn auch in einem weitaus bescheidenerem Maße als heute. Fußball und Turnen, Feldhandball und Radfahren, Schwimmen und vor allem Schlagball waren beliebte Sportarten. Die Leichtathletik nicht zu vergessen.
Gefochten wurde 1924 in Essen schon seit über zwanzig Jahren nicht mehr, nachzulesen in der Geschichte des ETUF. Auf Reichsebene hatte der Dachverband der Turner, die "Deutsche Turnerschaft“ (DT) , bereits vor dem Kriege (1914 - 18) Fechten in sein Programm aufgenommen und nach Kriegsende im ganzen Reich stark gefördert. 1912 war in München der "Fechtverband der Deutschen Turnerschaft" gegründet worden. Damit war der offizielle Rahmen gegeben, in dem die Turner in ihrem Fachverband den Fechtsport ausüben konnten. Die Zahl der aktiven (Turner-) Fechter und Fechterinnen war um ein vielfaches höher als bei dem 1897 in Berlin gegründeten "Deutschen Fechterbund", der allerdings allein berechtigt war, eine nationale Vertretung aufzustellen und das Reich nach außen zu vertreten. Zum Beispiel bei den Olympischen Spielen.
Bei uns im Westen Deutschlands bildeten sich schnell neue Fechtvereine bzw. neue Fechtabteilungen in bestehenden Turnvereinen, wie in Köln, Düsseldorf, Duisburg, Elberfeld und Barmen.
Aus Anlaß der bereits erwähnten Ausstellung" Unser Sport" wurde 1924 ein Kreisturnfest veranstaltet, auf dem auch eine Reihe von rheinischen Fechtern auf dem Uhlenkrugplatz ihren Sport vorführten. Auch an dem abschließendem Umzug durch Essen nahmen die Fechter in voller Ausrüstung teil.
Die Vorstellung der Fechter und ihres Sportes erwies sich als sehr werbewirksam und weckte allenthalben Interesse bei den Essenern. Es fehlte jetzt nur noch die Persönlichkeit, die die Initiative ergriff und die neuen Freunde des Fechtens zusammenführte. Die fand sich in Fritz Neutzer. Er erinnert sich: "Im April 1924 trat ich in die Firma Giradet ein. Angeregt durch die Sportausstellung ... erkundigte ich mich, wo in Essen gefochten würde. Man verwies mich an Walter Donat vom TV Rüttenscheid. Auf seine Veranlassung habe ich dann die ersten Interessenten angeworben, während ich selbst bei der "Deutschen Turnerschaft" die Gründung einer Bezirksfechtriege anregte. "
Bezirksfechtriege de DT 1924
In der Mitte Karl von Varendorff, ganz rechts Josef Schlicht, späterer Oberstadtdirektor. Sitzend rechts: Walter Donat.
Fritz Neutzer und Walter Donat
waren also die eigentlichen Begründer einer vorerst noch losen Fechtgemeinschaft und damit die Wiederbeleber des Fechtens in Essen. Fritz Neutzer war dann später der erste Fechter, der für einen Essener Verein (Waffenbrüderschaft) 1927 ein Säbelturnier bestritt. In vielen Jahrzehnten hat er als vorbildlicher Fechter bis an die Altersgrenze viele Turniererfolge errungen; er war auch Ausbilder und sorgte für die Verbreitung des Fechtsportes. Von einer kurzen Episode im Essener Turnerbund ETB abgesehen gehörte er der Waffenbrüderschaft bis zur Auflösung 1950 an, in der er auch einige Vorstandsposten bekleidete. Leider verließ er Essen vor Jahren, aber wir halten Verbindung bis heute.
Über Walter Donat schrieb die WAZ am 30. 10. 1974:
"Walter Donat, Mitbegründer des Sportfechtvereins Waffenbrüderschaft, wurde 91 Jahre. Obwohl er sich vollkommen der Turnerei verschrieben hatte, war er auch im Fechtsport vorbelastet. In seiner Heimatstadt Weimar trat er bereits mit 12 Jahren (1895) einem Turnverein bei und erlernte dort auch das Fechten mit dem Säbel. Seit 1904 war Essen seine Wahlheimat. Als Mitglied des Rüttenscheider und Bredeneyer Turnvereins gehörte er als Pressewart dem Vorstand des Essener Bezirks der Deutschen Turnerschaft (DT) an. Schreibgewandt lieferte er über vier Jahrzehnte fechtsportliche Berichte an alle Zeitungen, Zum Nutzen des Essener Fechtsportes und inhaltlich zur vollsten Zufriedenheit aller. "
Mit großer Begeisterung und besonderem Fleiß nahmen die Herren Donat, Neutzer, Banaszek, der ab 1929 die Fechter des Werdener Turnerbundes zu großen Erfolgen führen sollte, Backhaus. Thiemeyer, Stobbe, Emmerich, Steiner, Grüter und Grüder die Übungsstunden auf, zunächst als Gäste des Turnklubs Essen in der Turnhalle der Heinickeschule. Als geeigneter sportlicher Leiter der Bezirksfechtriege wurde der Regierungsrat und Leiter des Versorgungsamtes Essen, Major a. D. Karl von Varendorff, gewonnen.
Ende 1924 stellte die Stadt der Fechtriege dann die Turnhalle der jüdischen Volksschule in der Dreilindenstraße zur Verfügung. Die Ausstattung war selbst für damalige Verhältnissen sehr "schlicht": es waren keine Umkleideräume vorhanden und als Waschgelegenheit mußte ein (!) Wasserkran auf dem Hof dienen! Da der Holzfußboden alle 4 Wochen geölt werden mußte, war ein Training nicht möglich. Infolgedessen wurde zu diesen Zeiten der ganze Betrieb unter großem Hallo zum Stammlokal „Schonnefeld" auf der Huyssenallee (wo sich heute das Juweliergeschäft Horn befindet) verlegt.
Das Fechten wurde besonders mit dem sogenannten leichten Säbel geübt, wobei allergrößten Wert auf die Beinarbeit gelegt wurde. Allerdings lehrte Herr von Varendorff das Säbelfechten nach der bis dahin beim Militär üblichen und zu dem Zeitpunkt veralteten Schule mit weiten Schwüngen und weitaus unbeweglicher als heute. Es war nach dem ersten Turnier klar, daß nach dieser Art zu Fechten, keinerlei Erfolgsaussichten für die Zukunft bestanden.
Inzwischen hatte sich Herr Mailänder - Lehrer an der Kunstgewerbeschule - der Bezirksfechtriege angeschlossen. Er war kundig im Florettfechten und übernahm bereitwillig den Posten des Fechtwartes. Der Bezirksvorstand Essen der Deutschen Turnerschaft (DT) jedoch kümmerte sich nur wenig und nicht in der erwarteten Weise um seine Bezirksfechtriege. Herr von Varendorff berichtete in einem Protokoll, daß man das Gefühl haben könne, weder Fisch noch Fleisch zu sein.
Donat, v. Varendorff, Neutzer, Thiemeyer v.l.
Daraufhin beschlossen die Fechter kurzerhand, einen eigenen selbständigen Verein zu gründen. So entstand am 23. 3. 1925 in der Kronenberger Bierhalle in Essen-West der "Sportfechtverein Waffenbrüderschaft Essen" .
Karl von Varendorff übernahm den Vorsitz und begann das Gründungsprotokoll mit den uns heute pathetisch anmutenden Worten:
"Im Anfang war die Tat!" Fechtwart wurde Herr Mailänder und Schriftwart Herr Popp (v. Varendorffs Sekretär). Mailänder, der Künstler - Bildhauer von Beruf -, entwarf das Vereinsemblem, für das ihm der Griff des "Bydenhänders" (Zweihändiges Schwert) von Dürer als Vorbild diente.
Beginn meiner Mitwirkung (Mai 1925)
1925 hatte ich gerade mein Studium an der Essener Ingenieurschule beendet, als ich - auf der Suche nach einer Sportart für mich - mich der Fechter auf der Ausstellung 1924 erinnerte. Nach der Teilnahme an einigen Übungsabenden der Waffenbrüderschaft überredete ich zwei Studienkameraden, Ernst Streckert und Paul Ingenkamp, mit mir dorthin zu gehen. Später wurden wir drei das "Kleeblatt" genannt. Fritz Neutzer unterrichtete uns im Fußsport (heute Beinarbeit) und jagte uns gnadenlos durch die Halle hin und zurück. Später führte uns Herr Mailänder in das Florettfechten ein.
Die Satzung schrieb damals vor, daß man zur Aufnahme in den Verein zwei namhafte Bürgen benötigte. Für uns drei bürgten die Herren Mailänder, Neutzer und Schlicht, damaliger Geometer bei der Stadtverwaltung, später (1933) Oberstadtdirektor von Essen. Unsere Aufnahme fand dann im Rahmen der Mitgliederversammlung 1925 statt, die im Saale des Restaurants Brenner in Rüttenscheid abgehalten wurde. Wie damals üblich wurden wir mit einem feierlichen Gelöbnis auf die Vereinssatzung Mitglieder der Waffenbrüderschaft. So hoch offiziell, ja getragen die Aufnahme verlief, so wenig seriös war der anschließende gesellige Teil.
Im Herbst 1926 konnten wir auf einen Schlag unsere Mitgliedszahl um sechs Fechter erhöhen, als Willi Odendahl mit fünf ehemaligen Mitgliedern des Radfahrklubs Rüttenscheid, die unter dem Namen "Assindia" zu fechten begonnen hatten, aber auf Vorschlag des Stadtverbandes für Leibesübungen unserem Verein beitraten. Das waren: Fritz Roggenbuck, Heinz Grappenhaus, Josef Henkel, Fritz Winkler, Ewald Fischer und Hans Stollenwerk. Außer Willi Odendahl konnte keiner der Herren fechten. Sie hatten bisher im Saal des Restaurants Marx in der Brigittastraße einige Male geübt; allerdings war es mehr ein Bühnenfechten gewesen.
Die Bekanntschaft und spätere Freundschaft mit Willi Odendahl war für uns alle eine Bereicherung. Neben Mailänder war er der zweite Künstler in unserer Runde, Lehrer wie dieser an der Kunstgewerbeschule, Maler und Kunstschmied. Und er war ein Original. Er befuhr fast alle Weltmeere und bereiste fast alle Kontinente zu Studienzwecken. Er besuchte in München die Malklasse an der Kunstakademie, wandte sich 1921 jedoch wieder dem Metall zu und unterrichtete von 1926 bis 32 die Goldschmiedeklassen an der Berufsschule und an der Folkwangschule. Von seiner einzigartigen Fertigkeit als Kunstschmied zeugten in Essen viele Stücke u.a. in der Gruga und das Tor am Schloß Borbeck. Er verbreitete Stimmung und Fröhlichkeit, und unsere lustigen Runden im Stammlokal Schonnefeld wurden durch ihn noch fröhlicher. Er konnte Anekdoten erzählen wie kaum einer und brachte uns als Wanderwart des
Vereins die nähere und weitere Umgebung unserer Heimat nahe. Er entwarf, fertigte und stiftete die Vereinsfahne (das Tuch stifteten die Damen). Heute hängt die Traditionsfahne im Vereinsheim der efg.
Nachdem der Mitgliederbestand langsam, aber stetig gewachsen war, sah es leider mit dem Wachsen der fechterischen Ausbildung nicht so rosig, um nicht zu sagen schlecht aus. Für eine bezahlte Lehrkraft war kein Geld da, und von den Mitgliedern war zu diesem Zeitpunkt keiner der modernen Fechttechnik kundig. Lediglich unser Vorsitzender, Karl von Varendorff versuchte, uns die Grundbegriffe des Säbelfechtens beizubringen, leider nach der bereits erwähnten überholten Militärfechtschule. Er selbst war nie aktiv tätig, von Lektionen ganz zu schweigen. Wie überholt diese Technik war, zeigte sich auf dem ersten Turnier, das Fritz Neutzer und Gottfried Backhaus am 9. Januar 1927 besuchten: sie hatten gegen ihre Gegner überhaupt keine Chance! Um die sportliche Situation zu verbessern, zog Fechtwart Mailänder Theo Osiander aus Mülheim zu Rate. Desgleichen bestätigte Karl Wiemann aus Barmen, der gelegentlich unseren Fechtboden besuche, die Unzweckmäßigkeit der längst überholten Fechttechnik. Beide demonstrierten in Vorführungen die moderne Schule im Säbel- und Florettfechten. Durch diese Initiative des Fechtwartes traten Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Vorsitzenden Karl von Varendorff auf, die schließlich unüberbrückbar wurden. Darüberhinaus lehnten die meisten Mitglieder den autoritären und militärischen Führungsstil des Vorsitzenden ab; kurz, es kam auf der Hauptversammlung Anfang 1927 zum Bruch. Von Varendorff und ein Teil der Mitglieder traten aus und gründeten im Essener Turnerbund ETB eine Fechtabteilung, kehrten aber 1931 bis auf von Varendorff zu uns zurück. Nur eine kleine Schar Getreuer blieb zurück, vom Vorstand lediglich Herr Mailänder, der jedoch nach diesen unerfreulichen Ereignissen kein Vorstandsamt mehr bekleiden wollte. Somit stand der Rest des Vereins ohne Führung da!
Aber mit der Wahl von Willi Odendahl (Vorsitz) und mir (Fechtwart) begann die Aera des Sportfechtvereins Waffenbrüderschaft, die über mehr als anderthalb Jahrzehnte eine Zeit des Wachsens und Werdens, des Lernens und Reifens war, mit Höhen und Tiefen. Sportlich ging es zuerst ganz langsam, aber stetig aufwärts, die zwischenmenschlichen Beziehungen und Berührungen unter uns wurden enger und führten zu Freundschaften, die zum Teil heute noch bestehen. Die so entstandene Gemeinsamkeit bewirkte dann auch, daß wir die anschließende schwerste Zeit unseres Lebens überstehen konnten.
1927 übernahm ich auch das Amt eines Bezirksfechtwartes der Deutschen Turnerschaft in Essen.
Da wir fast alle blutige Fechtanfänger waren, war es anfangs recht schwierig, den Fechtbetrieb in Gang zu halten. Aber wir wollten lernen; jede Gelegenheit wurde wahrgenommen, um die moderne Fechttechnik zu studieren und sie dann auf dem Fechtboden an unsere Mitglieder weiterzugeben. Zum Glück konnten wir den bereits erwähnten Theo Osiander für zwei Stunden im Monat (!) gewinnen und bezahlen. (Er war der Onkel von Falk Schwigat und Harald Genge). Seine Fechtschule war mir bis zum Ende meiner Lehrtätigkeit 1984 ein stetes Vorbild. Ende 1928 verließ er uns jedoch wieder, um im ETUF das Training zu übernehmen, als dort für kurze Jahre (bis 1931) der Fechtbetrieb wiederauflebte.
Glück hatten wir auch, als sich Willy Mertl aus Ingolstadt bei uns als Mitglied anmeldete. Es hatte ihn sein Beruf nach Essen verschlagen. Er war ein guter und eleganter Florettfechter, Schüler des damals bekannten Fechtmeisters Stritesky. Von Mertl haben wir Vorfechter (heute: Übungsleiter) damals viel gelernt. Viel belacht wurden die Tauschgeschäfte zwischen Roggenbuck und Mertl: ein Kasten Bier gegen eine Mertl-Lektion! (Roggenbuck war bei der Sternbrauerei beschäftigt). Der nach dem Fechten besuchte Stammtisch bei Schonnefeld sah uns oft bis in die Morgenstunden zusammen. Oft schlief Freund Mertl in seiner Sofaecke ein. Wenn er dann aufwachte, schimpfte er auf die "Preußen", die nicht saufen können und keine Gemütlichkeit kennen. Leider verließ er uns nach einem Jahr bereits wieder.
Der größte Glücksfall war jedoch die Bekanntschaft mit dem bereits erw. Karl Wiemann. Wiemann absolvierte bei einem Onkel in Barmen eine Lehre und focht auch beim TV Barmen, besuchte aber an jedem Wochenende seine Eltern in Essen-West. Er unterrichtete an den Sonntagmorgenden das "Kleeblatt", das sich in besonderer Weise für den Verein verantwortlich fühlte. Wir haben von ihm ungeheuer viel gelernt. 1935 kam er nach Essen und wurde in den folgenden Jahren der erfolgreichste Fechter der Waffenbrüderschaft und Essens vor dem Kriege.
Die sonntäglichen Übungsstunden fanden übrigens in einer Fabrik in der Friederikenstraße statt, die uns mein Schwager zur Verfügung stellte.
Jede sich bietende Gelegenheit zur Schulung wurde von uns genutzt, alle Lehrgänge der Deutschen Turnerschaft hier im Westen, die es damals schon gab, wurden nach Möglichkeit besucht und möglichst viele Turniere als Zuschauer. Selbst mit diesen bescheidenen Schulmöglichkeiten konnten wir unsere Mitglieder auf die Anfängerprüfung vorbereiten, die Ende 1927 und Anfang 1928 von einer Reihe von Fechtern abgelegt werden konnte. Die damals "Jungmann-Prüfung" genannten Turnierreifeprüfungen wurden von unserem Verein in öffentlicher Form ausgerichtet und zwar im Lokal "Alt-Essen" auf der Kettwiger Straße (heute Casserole).
Nach Erlangung der Turnierreife wollten wir natürlich auch aktiv erproben, ob unsere Do-it-yourself-Schulung etwas wert war:
Ingenkamp, Streckert, Fritz Schwigat, der 1927 zu uns gestoßen war, und ich bildeten eine Säbelmannschaft. Man kann verstehen, wie stolz wir waren, als wir u.a. 1928 in der Düsseldorfer Tonhalle auf damals schon so bekannte Mannschaften aus Offenbach, Frankfurt und Köln trafen und einige achtbare Erfolge erzielten. Das gab uns natürlich den nötigen Auftrieb, auf diesem Weg weiterzumachen. 1928 entsteht auf der Kettwiger Straße das Baedecker-Haus, und es gibt in Essen 28.000Telefone. Die Zahl der Arbeitslosen steigt und steigt ...
Wie die Lage bereits zu dem Zeitpunkt in Deutschland aussah, zeigt folgende kleine Begebenheit. Etwa Anfang 1928 kam ein rothaariger junger Mann zu uns in die Fechtstunde. Nach rund zwei Monaten Teilnahme an den Übungsabenden nahmen wir an, daß er sich zum Beitritt entschließen würde, denn er fügte sich gut in unsere Gemeinschaft und war ein angenehmer Mensch. Von einem Tag zum anderen ließ er sich jedoch nicht mehr blicken. Wie ich später erfuhr, war unser junger Freund als Jude in den Hakoah eingetreten, ein damals im Reich weit verbreiteter jüdischer Sportverein, in dem hauptsächlich Fußball, Schwimmen und Boxen betrieben wurde; gefochten wurde nur von einer Minderheit. Über das Sportliche hinaus galt Hakoah als jüdische Sammelbewegung. Unser Freund hatte wohl erfahr
n, daß er - wie jeder andere für den Beitritt zwei Bürgen brauchte und fürchtete wohl, niemanden zu finden.
1928 gab es in Essen noch keinen Sportdirektor heutiger Prägung. Der damalige "Stadtturnrat" hatte noch längst nicht so umfangreiche Aufgaben und Möglichkeiten wie heute. In dem Jahre versah der Turnwart der Rheinischen Turnerschaft, Julius Schmitz, das Amt des Stadtturnrates mit. Wir beide saßen zusammen im Gauvorstand der DT (Deutschen Turnerschaft). Als auf der Margarethenhöhe die Volksschule mit einer schönen und nach damaligen Verhältnissen großen Turnhalle fertig wurde, hatte unser Antrag auf Umzug von der Dreilindenstraße zur Margarethenhöhe Erfolg.
In der neuen Halle wuchs unser Mitgliederbestand erheblich an, besonders nach einer Werbeveranstaltung, unserem "Schau- und Werbefechten" vom 10. November 1928. Die Essener Zeitungen schrieben am 11. November u.a. " ... und wer geglaubt hatte, daß das Fechten keine Anhänger in Essen habe, wurde am Samstag eines Besseren belehrt. "
Das Echo auf dieser Veranstaltung war über Erwarten gut. Nicht nur die Halle war übervoll, auch unser neues Stammlokal Saur. Bis in die Morgenstunden wurde der Erfolg gefeiert und spontan wurde von den anwesenden Damen eine "Damenabteilung" in der Waffenbrüderschaft gegründet. Die ersten Fechterinnen waren: Else Vershoven (heute Else Genge), Erika und Fränzi Holz, Hilde Knappe, Marga Grabener, Frau Wieczorek, Frau Schmidt, Hilde Kresse, Frau Odendahl, Ilse Bachenberg und Liselotte Idel. Noch nach Jahren wurde von der Fröhlichkeit und der Harmonie an diesen beiden Ereignissen geschwärmt. Es waren unvergessliche Stunden, von denen wir nachher nicht mehr viele erlebten.
Fränzi Holz, Kicki Idel, Erika Holz v.l.
Neue Aktivitäten
Anfang 1929 übernahm Ernst Streckert den Vorsitz der Waffenbrüderschaft. Zusammen sahen wir den Zeitpunkt für gekommen, die Aktivitäten unseres Vereins zu erhöhen. Eine erhalten gebliebene Übersicht zeigt, wie rührig die Waffenbrüder im Jahre 1929 waren:
13. Januar Ausrichtung der Anfängerprüfung im Florett und Säbel. Es bestanden: Walter Idel, Albert Stieglitz, Peter Kronauer, Kurt Pflaumbaum, Gustav Prengel, Fritz Schwigat, Bruno Uslat und Fritz Steinforth, alle Florett. Säbel: Ernst Streckert, WIIIi Odendahl, Fritz Winkler, Fritz Roggenbuck.
27. Januar Ausrichtung des Jungmann-Fechtens in unserer Halle auf der Margarethenhöhe. 1. Platz: Ernst Streckert (Säbel).
9. - 10. März Altmann- Fechten (heute: Aktiven) in Velbert im Florett, 63 Teilnehmer. 3. Platz Walter Winkelmann 10. Platz Paul Ingenkamp
6. - 7. April Sonderklassenfechten (Rheinische Landesmeisterschaften) im Hotel Vereinshaus
Wie ernst der Verein - noch unerfahren in der Handhabung von Turnieren und Meisterschaften - die Ausrichtung dieses Sonderklassenfechtens nahm, zeigte die Tatsache, daß Walter Idel, der erst 1928 den Vorsitz von Willy Odendahl übernommen hatte, sein Amt niederlegte, weil er diesem Turnier einen ganz anderen, repräsentativeren Rahmen geben wollte. Er hatte das ETUF-Kasino vorgesehen und war mit dem Vereinshaussaal (heute: ASTRA- Kino) nicht einverstanden. Die Mehrzahl unserer Mitglieder befürchtete jedoch bei dem Temperament der rheinischen Fechter und der im ETUF zu wahrenden Etikette unerwünschte Komplikationen. Das zwei Tage dauernde Turnier, der Kommers am Samstagabend und das Fest am Sonntag waren allen Unkenrufen zum trotz schöne Erfolge und noch lange in aller Munde. Anläßlich dieser Veranstaltung wurde mit einer seinerzeit üblichen Fahnenweihe die bereits beschriebene Vereinsfahne von Willy Odendahl durch den Kreisfechtwart Carneim aus Köln dem Verein überreicht.
15. - 16. Juni Gauturnfest in Kupferdreh
1. Platz im Florett: Fritz Schwigat
1. Platz im Säbel: Walter Winkelmann
22. Juni Sonnenwendfeier im Schevener Krug, Werden
25. August Anfängerprüfung in Mülheim. Es bestanden:
Erika und Fränzi Holz, Lieselotte Idel
September Stadtwaldfest auf dem Uhlenkrugplatz
1. Platz im Florett: Jupp Banaszek Klubkampf gegen Duisburg mit 9 : 16 Siegen und 95 : 104Treffern verloren.
26. - 27. Oktober Abteilungsleiter und Kampfrichter- Lehrgang in Remscheid,
Teilnehmer: Paul Ingenkamp und Walter Winkelmann
Das damalige Zeitgeschehen spiegelte sich auch in den jeweiligen Jahresberichten auf den Hauptversammlungen wider, die wir auch schon vor der offiziellen Eintragung in das Vereinsregister (1931) durchführten. Nehmen wir zum Beispiel das Jahr 1930:
Dieses Jahr war das schwerste seit Bestehen der Waffenbrüderschaft, ausgelöst durch die unaufhaltsam steigende Arbeitslosigkeit und die folgende wirtschaftliche Not der Menschen. Wir alle kennen die Bilder und Berichte aus der Zeit, die den Nährboden bildete für die Absichten der Nationalsozialisten. Trotzdem oder gerade deswegen wurde von uns unermüdlich am weiteren Aufbau unseres Vereines und an der weiteren fechterischen Vervollkommnung gearbeitet. Ich glaube, gerade die für alle dunkle Zukunft hat uns beflügelt, zumindest auf dem Gebiet unseres Sportes, dem Fechten, mit unserer "freien" Zeit unser Gemeinwesen auszubauen, zu festigen und die Kameradschaft unter uns zu stärken: denn ein wesentlicher Bestandteil in unserem Leben war der Verein, die Freunde im Verein neben uns. Vom gleichen Schicksal betroffen gaben wir uns Kraft für den Alltag. Im Stil der Zeit drückten wir es so aus: "Mit offenen Augen und hocherhobenem Kopf sind wir voll Hoffnung und guten Vorsätzen, immer wieder der dunklen Zukunft entgegengegangen und zwar ein durch Fechtertreue fest gefügtes Bollwerk" .
In Essen wurde am 24. Februar das Hauptgebäude der Stadtsparkasse in der Rathenaustraße errichtet, am 1. Juni das Denkmal "Das Wachsame Hähnchen" auf dem Kornmarkt (heute: auf dem Kurienplatz) enthüllt. Im Dezember zahlte das Wohlfahrtsamt an rund 17.000 arbeitsfähige Erwerbslose 1,3 Millionen Unterstützung aus. Essens Oberbürgermeister Dr. Luther wurde Reichskanzler. Eine seine ersten Maßnahmen zur Linderung der Arbeitslosigkeit war, mit amerikanischen Darlehen die Bauwirtschaft anzukurbeln. So entstand u.a. das Deutschlandhaus in der Lindenallee. Die oberen Etagen waren alle von der Stadtverwaltung belegt, während die im Parterre für Ladenlokale bestimmten Flächen alle frei waren. Hier richteten wir 1931 einen Florett-Wettkampf aus mit anschließendem Schaufechten. Die Stühle für die Zuschauer entliehen wir uns von der Badeanstalt Altenessen.
Zeitungsartikel über das Turnier am 6. Dezember 1931:
Guter Besuch
Dem schönen Fechtsport auch in Essen neue Anhänger zuzuführen, das war der Zweck, den die Veranstaltung der DT Fechter des 2. Bezirks Groß-Essen am vergangenen Sonntag im Deutschlandhaus haben sollte. Wenn man den überraschend starken Besuch der Veranstaltung berücksichtigt, so kann man wohl hoffen, daß sich in den nächsten Wochen innerhalb der Essener Fechtvereine ein voller Erfolg der Veranstaltung bemerkbar machen wird.
Vormittags um 8 Uhr begann die Austragung der Florettvorrunde der Fechter auf zwei Bahnen. Auf der ersten Bahn konnten Streckert und Ingenkamp mit je fünf Siegen die Führung übernehmen und mit ihrem Waffenbruder Winkelmann zur Endrunde aufsteigen. Auf der zweiten Bahn übernahm Banaszek sofort die Führung und konnte mit sechs Siegen, Banner und Schwigat mit je vier Siegen aufsteigen. In einer Zwischenrunde fochten die vierten und fünften Sieger der Vorrunden, wobei Neutzer und Kronauer ebenfalls als Sieger für die Endrunde hervorgehen. Am Nachmittag standen sich fünf Fechterinnen in einem Wettkampf gegenüber. Frl. Scharrenbroich konnte nach einem Stichkampf mit Frl. Nettebeck den Sieg davontragen.
Die Kampfweise der Fechterinnen und Fechter zeigte dem Fachmann eindeutig, daß der Fechtsport in Bezug auf seine Güte, auch in Essen in den letzten Jahren sehr zufriedenstellende Fortschritte gemacht hat. Das Ergebnis der Damenflorettrunde war:
1. Frl. Scharrenbroich (Waffenbrüderschaft Essen)
2. Frl. Nettebeck (Waffenbrüderschaft Essen)
3. Frl. Löckenhoff (Turnerbund Werden)
4. Frl. Schmitz (Turnerbund Werden)
5. Frl. Vershoven (Waffenbrüderschaft Essen)
Das Ergebnis der Herrenflorett - Endrunde war:
1. Banaszek 7 Siege 9 erh. Treffer (Turnerbund Werden)
2. Schwigat 5 Siege 22 erh. Treffer (Waffenbrüderschaft Essen)
3. Neutzer 3 Siege 24 erh. Treffer (ETB Schwarz Weiß)
4. Streckert 3 Siege 24 erh. Treffer (Waffenbrüderschaft Essen)
5. Ingenkamp 3 Siege 27 erh. Treffer (Waffenbrüderschaft Essen)
6. Kronauer 2 Siege 29 erh. Treffer (Waffenbrüderschaft Essen)
Nach Schluß der Endrunde zeigte die "Waffenbrüderschaft Essen" ein Schau- und Werbefechten, um dem Laien einen kleinen Einblick in die technische Arbeit der Fechter zu geben. Der Fechtmeister Graf von Kotinsky führte mit verschiedenen Schülern eine vorzügliche Schule im Florett und leichten Säbel vor. Anschließend zeigten die Mitglieder der rheinischen DT-Sonderklasse: Wiemann (Barmen), Graichen (Dusseldorf), Esser (Düsseldorf) und Wagner (Barmen) Freigefechte im Florett, Säbel und Degen in vollendeter Ausführung.
Der reiche Beifall, welcher den Fechtern gespendet wurde, zeigte wie sehr der geschmeidige Sport den Besuchern gefallen hat.
Wie immer versammelte sich nach der Veranstaltung das Fechtervölkchen im Bürgerheim in der Vereinstraße.
Im gleichen Hause feierten wir am 2. Weihnachtstag im Vereinskreis dasWeihnachstsfest 1931 mit unserem neuen Vereinsorchester (Otto Streckert, Klavier, Ernst Streckert, Reinhold Blankenbach, Peter Kronauer, Edith Langecker, alle Violine und Hugo Langenfeld, Cello). Unser Mitglied und Sänger Schorsch Theumer brachte dabei auch die "Ode an die Fechter" und das von ihm verfaßte und vertonte Lied "Essen an der Ruhr" zu Gehör.
Am 21. Mai 1931 erfolgte die schon lange beabsichtigte Eintragung in das Vereinsregister, wir waren nun der Sportfechterverein Waffenbrüderschaft Essen e.V. Einschneidend für den Verein war die Tatsache , daß wir wieder einmal umziehen mußten, da die Turnhalle auf der Margarethenhöhe von der Stadt einem DJK-Verein zugewiesen wurde. Wir bekamen die neuerbaute Turnhalle des Mädchengymnasiums Bredeney in der Grashofstraße.
Diese erneute Verlagerung unseres Fechtbetriebes hatte natürlich negative Auswirkungen auf den Fechtbodenbesuch, denn den Luxus einer Straßenbahnfahrt konnten sich die arbeitslosen Mitglieder nicht leisten, da zu der Zeit nur zwei männliche Vereinsmitglieder Arbeit und Verdienst hatten. Zu Fuß wanderten wir zweimal in der Woche nach Bredeney und alle gemeinsam durch den Beckmannsbusch wieder zurück. Für diese neue Halle hatte die Stadtverwaltung auf Empfehlung von Sportamtsleiter Julius Schmitz speziell für die Fechter einen Linoleumboden mit einer farbig abgesetzten Bahn von 10 Metern Länge und 1 Meter Breite eingebaut. Er wollte wohl uns Fechtern etwas Gutes tun, bewirkte jedoch das Gegenteil, da dieser Belag fürs Fechten viel zu glatt war. Obwohl wir an jedem Übungsabend den Boden mit einem abstumpfenden Wachs bearbeiteten, konnten Verletzungen doch nicht vermieden werden, die aber nie schwerwiegend waren. Dies und der weite Weg ließen den Besuch unserer Übungsabende immer mehr schrumpfen. Um dem vollständigen Verfall des Vereins vorzubeugen, waren wir gezwungen, uns um eine günstiger gelegene Halle zu bemühen. Dieses Vorhaben war natürlich zu einer Zeit, da nur ein Bruchteil der Zahl der heutigen Turnhallen vorhanden war, recht problematisch. Aber es gelang, wenigstens zum Teil.
1932 zogen wir in die Halle der gewerblichen Berufsschule in der Seminarstraße im Siepen. Hier war wenigstens der Bodenbelag für unsere Zwecke günstiger.
Der Vorstandsbericht für 1931 sah das Jahr so (3. 1. 1932):
"Ein für uns alle schicksalschweres Jahr ist vorüber. Viele unserer Mitglieder mußten die Hoffnung ... auf Arbeitsmöglichkeit wieder zu Grabe tragen, und mancher von uns mußte noch eintreten in die große, traurige Armee der Arbeitslosen. Ein Gutes hat aber auch diese Zeit, ... unsere Jugend kann man in Bezug auf ihre Lebensreife nicht mehr mit der Jugend der Vorkriegszeit vergleichen. Das ist auch der einzige Grund, warum es uns möglich war, das Vereinsleben nicht nur aufrecht zu halten, sondern bis heute immer
noch auf eine höhere Stufe zu bringen ... "
DerVerein hat 34 Mitglieder. (5 Austritte, 4 Neuzugänge). Am 5. September 1931 wurde Diplom-Fechtmeister Graf von Kotinsky gegen Zahlung der Reisekosten von Duisburg her verpflichtet, welcher sein Hauptaugenmerk auf das Florett richtete, so daß hierdurch Säbel und Degen außer Betrieb kamen." Soweit der Bericht.
Die Verpflichtung des Fechtmeisters konnte uns nur gelingen, da im Laufe des Jahres 1931 die Abtrünnigen von 1927 vom Essener Turnerbund ETB wieder zurückkehrten. Kotinsky, der im ETB unterrichtete, folgte ihnen. In das Jahr 1932 fällt auch die Stiftung des Vereinswanderpreises .
Vereinswanderpreis 1932
Es war schon länger mein Wunsch gewesen, eine weitere Anregung zum treuen Festhalten an den Verein zu schaffen. Meine Freunde Willy Odendahl und Fritz Schwigat folgten gerne der Anregung, und so war bald durch Odendahl ein Entwurf entstanden und von Schwigat angefertigt. Der Preis sollte an eine schwere Zeit erinnern und zur Treue mahnen.
Die Gewinner im Laufe der Jahre waren:
1932 Paul Ingenkamp
1933 Reinhold Blankenbach
1934 Walter Winkelmann
1935 nicht ausgetragen
1936 Karl Wiemann
1937 Fritz Schwigat
Der Preis wurde jährlich zum Stiftungsfest ausgefochten und nur im Florett. Aufgrund der selbst für damalige Verhältnisse ungenügenden Räume, die uns zur Verfügung standen, mußten wir nach 1937 auf eine weitere Austragung verzichten. Der Preis selbst ging im Kriege verloren.
1932 gab es in Essen 46.000 Arbeitslose, (darunter auch ich), von denen einige Tausend beim Bau des Baldeneysees eingesetzt wurden, im Reich waren es über 7 Millionen. 1932 war auch das Jahr der Verschlechterung des politischen Klimas. Die Kampfverbände der Nazis und der KPD treffen immer verbissener aufeinander, nie war die Zahl der Toten und Verletzten im Kampf zur Durchsetzung politischer Ziele größer. Aber erstmalig zählt die Gruga über eine Million Besucher.
In das sportliche Programm hatten wir inzwischen den Friesenkampf aufgenommen, einen Mehrkampf für Fechter mit Laufen, Schwimmen, Schießen und Fechten. Jeden Freitagabend waren wir nun Gäste der Schwimmabteilung des SV Gelb-Blau im Hallenbad an der Steeler Straße.
Allen Widrigkeiten zum Trotz besuchten wir auch im Jahre 1932 eine Reihe von Turnieren in Gelsenkirchen, Hamborn, Velbert, Mülheim und Oberhausen. Mit unterschiedlichen Erfolgen.
1933 übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Von vielen begrüßt, von vielen befürchtet, aber die meisten Menschen erhofften sich, daß nach den schrecklichen letzten Jahren wieder Ruhe einkehren möge. Auch in der Jahreshauptversammlung von 1933 wurde zum Ausdruck gebracht, daß die neue Regierung ... "Hoffnungen erweckt hat und ihr Vertrauen entgegengebracht werden könne!" Aber die Gleichschaltung im Sinne der Nazis begann bald. Alle selbständigen Dachverbände des Sportes wurden unter Zwang aufgelöst und im "NS-Reichsverband für Leibesübungen", kurz NSRL, zusammengefaßt und je nach Sportart in Fachämter gegliedert. So auch der Fechtverband der Deutschen Turnerschaft und der Deutsche Fechterbund, die zum Fachamt 8 wurden. Von Anfang an nahm sich besonders die SS dieses Amtes an. In Essen bestimmten als Folge der Machtübernahme
wei Ereignisse 1933 das Vereinsleben:
- nach Beschlagnahme des jüdischen Jugendheimes an der Ruhrallee wurde uns die Turnhalle des Heimes zugewiesen;
- das Führerprinzip aus den staatlichen Bereichen wurde nunmehr auf alle Teile des öffentlichen Lebens ausgedehnt. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung wurde unser Vorsitzender Ernst Streckert zum Vereinsführer gewählt; er war allein verantwortlich und mit fast allen diktatorischen Vollmachten ausgestattet.
Ein Beispiel: Die Teilnahme an den Aufmärschen zum "Tag der Arbeit" (1. Mai) wurde zur Pflicht. Wer von den Fechtern nicht mit seinem Betrieb automatisch dabei war, mußte mit der Waffenbrüderschaft am Aufmarsch teilnehmen. Wer dabei ohne genügende Entschuldigung fehlte, mußte vom Vereinsführer aus dem Verein ausgeschlossen werden. Das trat jedoch nie ein.
Trotz der tiefgreifenden Veränderungen kam der Sport nicht zu kurz. So trugen unsere Damenmannschaft am 22.2.1933 mit den Damen Nettebeck, Vershoven, Scharrenbroich und Langecker einen Klubkampf gegen den Werdener Turnerbund aus, den sie hoffnungsvoll begannen, aber mit 7 : 9 verloren. Am 26. 3. 1933 erreichte unsere Else Vershoven bei der Ermittlung des Sonderklassennachwuchses in Barmen einen achtbaren 6. Platz von 22 Fechterinnen.
Im November beteiligten wir uns erstmalig an dem Säbel-Mannschaftskampf in Düsseldorf mit folgender Besetzung: Schwigat, Ingenkamp, Kronauer und mir. Unsere Gegner waren TV Offenbach, Eintracht Frankfurt, Düsseldorf und Mülheim, gegen die wir uns recht achtbar aus der Affäre zogen. Genaue Platzierung ist mir nicht mehr bekannt, wie wir überhaupt die Berichte, Ergebnisse, Fotos usw. mühsam rekonstruieren mußten, soweit sie nicht bei den alten Mitgliedern den Krieg überlebt hatten. Fast alle Unterlagen sind durch die Kriegseinwirkungen verlorengegangen.
Das besondere Ereignis in diesem Jahr 1933 war jedoch unsere Beteiligung an der" Großen Westdeutschen Wassersportausstellung" . Noch wird ja nicht auf dem Wasser gefochten, aber wir hatten einen Stand auf der Ausstellung, den Willy Odendahl entworfen und eingerichtet hatte.
Vor der für uns Fechter ungeheuren Kulisse von 500 Zuschauern trugen wir auf einem erhöhten Podium einen Klubkampf gegen Mülheim aus (Florett- und Säbelmannschaften).
Im gleichen Monat bestanden weitere 12 Mitglieder (8 Florettfechterinnen, 3 Florettfechter und 1 Säbelfechter) die Anfängerprüfung. Das Jahr 1934 schien sich für die Waffenbrüderschaft gut anzulassen, denn alle Mitglieder hatten beruflich wieder Fuß gefaßt. Auch ich konnte bei Krupp-Kraftwagen eine Tätigkeit aufnehmen. Da diese Stellung eine Reisetätigkeit im ganzen Reich bedingte, konnte ich dabei andere Fechtböden besuchen und Augen und Ohren offenhalten. Etwas anderes machte dem Verein verstärkt zu schaffen: in dem Bestreben, alle Teile des täglichen Lebens zu durchdringen, bemächtigte sich der NS-Staat vor allem des Sportes. Möglichst viele Deutsche sollten als Zwangsmitglieder von NS-Organisationen Sport treiben. So auch die Fechter. Daß darunter natürlich die Übungstätigkeit in den Vereinen litt, wurde vom Staat bewußt hingenommen, ja, die langsame Auflösung der Sportvereine angestrebt. HJ, SA und SS machten sich gegenseitig gewaltige Konkurrenz, jeder wollte die Besten!
Wie oben bereits erwähnt, hatte die SS die Führung des Fachamtes 8 (Fechten) des NSRL übernommen, folgerichtig auch im Rheinland. Kurt Kronenberg, ein Fechter aus Barmen, wurde hier an die Spitze kommandiert und löste damit den bekannten Paul Schulze aus Düsseldorf ab.
Wie konnte es anders sein, auch in diesem Jahr (1934) mußten wir unsere Übungshalle räumen! Die uns zuletzt zugewiesene Halle des jüdischen Jugendheimes mußte von den NS-Behörden an den Bankier Simon Hirschland, der amerikanischer Staatsbürger war, zurückgegeben werden. Zwangsläufig mußten wir unsere Übungsabende unterbrechen, da vor allem auch sämtliche Fechtutensilien und Geräte noch in der Halle waren. Nach meiner Intervention bei Herrn Hirschland erhielten wir unser Eigentum sofort ausgehändigt.
Es war sehr schwer, eine andere, für uns geeignete Halle zugewiesen zu erhalten, da der uns geneigte Stadtturnrat Schmitz nach Meinungsverschiedenheiten mit den NS- Behörden vom Dienst suspendiert worden war. Doch nach einiger Zeit konnten wir im alten Gebäude der BMV-Schule, die seit 1931 in Holsterhausen einen Neubau bezogen hatten, unsere Zelte aufschlagen. Mehr als ein Notbehelf konnte die alte Turnhalle, die neben dem Kulissenhaus auf dem heutigen Hirschlandplatz lag, nicht sein. Es dauerte bis 1935.
Trotz aller Widrigkeiten besuchten wir auch in diesem Jahre noch Turniere, wie das Jungmann- und Altmannfechten und das Gausonderklassenfechten in allen Waffen sowie am 18. 11. 1934 die Anfängerprüfung in Mülheim.
In dieser Zeit machte uns der Vereinsführer vom Sportverein "Gelb-Blau" (Verein der Städtischen Angestellten) , Oberstadtdirektor Schlicht, der bis 1927 unser Vereinsmitglied war (siehe Gruppenbild der Fechtabtlg. Schwarz-Weiß), das Angebot der Eingliederung in seinen Verein. Es war der einzige NSRL-Verein in Essen, der sich trotz der Konkurrenz der NS-Gliederungen rapide entwickelte. Herr Schlicht war sehr gut bekannt mit dem Reichssportführer von Tschammer und Osten. Dieser kam wiederholt zwecks Verwandtenbesuch nach Essen und traf dann mit Herrn Schlicht zusammen, wodurch dieser eine starke Rückendeckung für seinen Verein gegenüber den NS-Verbänden hatte.
Wir aber lehnten dieses Angebot ab.
Unbeirrt arbeiteten wir im Verein weiter, ohne für die Zukunft zu wissen, ob wir den Verein halten konnten.
Aber allmählich behauptete sich auch der NSRL gegen die sich gegenseitig konkurrenzmachenden Parteigliederungen, und dieses gab uns Hoffnung. Die Führung des NSRL in Essen hatte Standartenführer Emil Schultz übernommen. Bei der Gleichschaltung der Deutschen Turnerschaft waren wir Fachwarte des DT-Vorstandes in den NSRL-Vorstand als Fachwarte übernommen worden. Standartenführer Emil Schultz hat sich sehr für die Belange der NSRL-Sportvereine eingesetzt.
Hinzu kam das Zustandekommen eines sehr guten Verhältnisses zur HJ. Die Führung der HJ hatte festgestellt, daß das Leitmotiv "Jugend muß von Jugend geführt werden" nicht zu dem angestrebten Ziel führte. Daher wurde der Begriff "Jugend" dahingehend umgewandelt, daß derjenige zur Jugend gehöre, der ein jugendliches Herz besitze. Der hochbetagte Essener Oberbürgermeister Dr. Reismann-Grone sagte auch in seiner Eröffnungsrede zur "Großen Westdeutschen Wassersportausstellung" : "Alt werden ist kein Verdienst, wohl aber, sich im Alter ein jugendliches Herz und ein Herz für die Jugend erhalten zu haben." Die HJ-Führung sagte: "Auf die altbewährten Fuhrleute im Sport können wir nicht verzichten".
Wie mehrere andere Fachwarte stellte auch ich mich der Sportführung der HJ zur Verfügung, weil ich glaubte, auf diese Weise am besten meinen Verein schützen zu können. Im nachhinein kann ich sagen, daß es gelungen ist.
Waren die letzten Jahre seit der "Machtergreifung" recht turbulent auch für uns gewesen, so konnten wir etwa ab 1935 ein sportliches Aufwärts feststellen, das letztlich nur durch die Kriegsereignisse (ab 1941) gestoppt werden konnte. Das begann sich abzuzeichnen, als Karl Wiemann von Barmen nach Essen zurückkehrte und unsere Ausbildung intensivierte, die bald die ersten Turniererfolge zeigten. Wiemann übernahm das Amt des Fechtwartes. Mit ihm kam Hilde Hoffmann, die er später heiratete, und deren Freundin Ännchen Büngeler aus Velbert. Durch diese Verstärkung hatten wir mit den Schwestern Else und Lotte Vershoven die stärkste Damenmannschaft im Land Nordrhein. Gleich stark war zu der Zeit auch unsere Herrenflorettmannschaft. In die Landessonderklasse fochten sich Walter Heinen, Berhard Schmitz, Karl Mehrens, Peter Kronauer, Hilde Hoffmann sowie Else und Lotte Vershoven. Karl Wiemann und Fritz Schwigat gehörten dieser Leistungsklasse bereits an.
Die Bilanz des Fechtbetriebes und der Turniererfolge war also recht zukunftsfroh .
Am 1. Dezember 1935 richteten wir ein gut besuchtes Turnier in Florett und Säbel aus. Dieses Mannschaftsturnier hatte in der Kronprinzenstraße 26 (heute Emschergenossenschaft ) zu unserer Freude eine recht große Besucherzahl. Den Erfolg t
ilten wir uns mit Werden.
Wie gut die Ausbildung im Verein war, bewies Walter Heinen, der die Anfängerprüfung mit der höchstmöglichen Punktzahl (20) ablegte und danach im selben Jahr in die Landes-Sonderklasse aufstieg. Leider wurde er 1938 zur Wehrmacht eingezogen, konnte aber an seinem Standort weiterfechten. Er nahm auch an den badischen Meisterschaften teil und qualifizierte sich sogar für die Reichstitelkämpfe, an denen mittlerweile auch Österreich teilnahm. Im Jahre 1940 wurde er Bester der Vorendrunde und errang einen hervorragenden 9. Platz im Gesamtklassement.
In der Heranführung an den Fechtsport taten wir etwas Revolutionäres: wir bauten eine Kinderfechtabteilung auf! Ich war schon immer der Meinung gewesen, daß - bedingt durch die lange Ausbildungsdauer - schon im Kindesalter in einer alters gemäßen Weise der Anfang gemacht werden müsse. Weiter gründeten wir eine Gymnastikgruppe.
Leider mußte in diesem Jahr (1935) mein Freund Ernst Streckert wegen beruflicher Überlastung und Übernahme anderer Aufgaben die Führung des Vereins abgeben, Nachfolger wurde Karl Mehrens. Und wieder einmal mußten wir umziehen! Fortan war unser Fechtboden im Hause des Stadtamtes für Leisbesübungen (111. Hagen, mittwochs und samstags von 20.00 - 22.00 Uhr).
Konnten wir 1935 noch von einem zukunftsfrohen Fechtbetrieb reden - d. h. 15 Mitglieder pro Übungsabend - so waren es 1936 leider nur noch 11 Aktive. Wohnortwechsel, Einberufung zum Militär, Krankheit und vor allem der zwangsweise Dienst in einer NS-Organisation ließen unseren Bestand zusammenschmelzen. Dennoch konnten Dank des großartigen Einsatzes von Fechtwart Karl Wiemann und Heinz Hallerbach (Gymnastik und Friesenkampf) auf vielen Turnieren achtbare Erfolge erzielt werden. So belegten zum Beispiel bei einem gauoffenen Turnier für Rheinland und Westfalen am 12. 1. 1936 in Düsseldorf Karl Wiemann im Florett den 2. und Fritz Schwigat den 5. Platz. Oder die Siege unserer Mannschaften (Ingenkamp, Schwigat, Mehrens, Heinen, Kronauer, Wiemann und Winkelmann) in den Klubkämpfen gegen Dortmund, Elberfeld und Werden!
Es ging also allen Widrigkeiten zum Trotz sportlich aufwärts, und ein schöner Erfolg reihte sich an den anderen, vor allem begann jetzt die große Zeit unseres Freundes Karl Wiemann.
19. 4. 1936 Aufstieg unserer Fechterinnen Lotte Vershoven, Else Vershoven, Hilde Wiemann, Ännchen Büngler, Anne von Teffelen und die Fechter Schwigat, Wiemann, Winkelmann, Kronauer in die Gau-Sonderklasse (Rheinland)
17.5. 1936 in Werden: Karl Wiemann Gaumeister, Fritz Schwigat sechster Platz (Florett)
7.6.1936 Karl Wiemann Gaumeister im Degen!
5.7.1936 Karl Wiemann Gaumeister im Säbel!
Wir hatten also einen dreifachen Gaumeister in der Waffenbrüderschaft! Die Freude kannte natürlich keine Grenzen und gab uns anderen ungeheuren Auftrieb. Die Meisterschaft im Degen wurde übrigens zum ersten Male mit einer elektrischen Waffe und Trefferanzeige ausgetragen.
Wie üblich wurde der Vereinswanderpreis anläßlich unseres Stiftungsfestes ausgefochten. Wie nicht anders zu erwarten, belegte Karl Wiemann den ersten Platz und errang den Preis, der ihm in gebührender Anerkennung überreicht wurde. Sicherlich war es auch ihm zu verdanken, daß unsere Florettmannschaft bei den Gaumeisterschaften am 24. 10. 1936 in Düsseldorf einen beachtlichen dritten Platz (Bronzemedaille) erringen konnte (Wiemann, Schwigat, Winkelmann, Mehrens und Reinen). Um das sportlich so erfolgreiche Jahr 1936 abzurunden belegte Bernhard Schmitz in Berlin bei den Wehrmachtsmeisterschaften im Säbel (6. - 8. November) in der B-Klasse den 1. Platz!
An dieser Stelle sollte ich zum besseren Verständnis einige Worte sagen zur geografischen Aufteilung des damaligen sportlichen Reiches.
Die unterste Ebene war der Bezirk = Groß-Essen. Es folgten die Bezirksgruppen = Gau, hier: Niederrhein, der Kreis = 4 Gaue, hier: Niederrhein, Düsseldorf, Wuppertal und Köln, entspricht etwa dem heutigen Land NRW.
Es gab folgende Klasseneinteilung:
- Anfänger Sie legten in den Gauen die Unterstufenprüfung ab. Die Prüfung erfolgte mit einer Punktewertung in Theorie und Schulfechten, sie war öffentlich.
- Jungmann. Wurde ermittelt in einer Gaumittelstufenprüfung. Wer in dieser Leistungsklasse bei zwei Turnieren die Endrunde erreicht hatte, stieg in die
- Altmannklasse auf. Diese Klasse konnte auch durch eine Oberstufenprüfung erreicht werden.
- Kreisklasse bzw. Landesklasse = vier Gaue. Die Endrundenteilnehmer dieser Klasse waren zum Start in der Landes-Sonderklasse berechtigt.
- Landes-Sonderklasse Nur die Endrundenteilnehmer dieser Klasse waren zur Teilnahme an den Reichsmeisterschaften berechtigt. Wer hier die Endrunde nicht erreichte, mußte in der Kreis-/Landesklasse erneut seine Teilnahmeberechtigung erkämpfen.
Da es zu der Zeit keine Europa- und Weltmeisterschaften im Fechten gab, waren die Olympischen Spiele die einzige Möglichkeit, sich über die Grenzen des eigenen Landes hinaus mit anderen Fechtern zu messen. Internationale Turniere, wie sie heute zum fechterischen Alltag gehören, waren unbekannt. Das heißt also, ein Gau- und Deutscher Meister hatte damals einen ganz anderen Stellenwert.
Aber zurück zu unserer Geschichte.
Wir fragten uns natürlich, wie wir diese Erfolge erhalten oder - ganz vermessen - gar steigern könnten ...
Ein einfaches Rezept wäre einfach die Verpflichtung eines anerkannten Fechtmeisters. Aber ganz so einfach war das damals nicht. Zum einen waren die Meister nicht in solcher Zahl vorhanden wie heute, zum anderen war da die Kostenfrage. Wir waren nicht in der Lage, auch nur eine Reichsmark für einen Trainer auszugeben, geschweige denn ganz zu honorieren. Also suchten wir nach Möglichkeiten und Wegen. Der Traum von einem eigenen Fechtmeister wurde plötzlich möglich, als mich Karl Krämer, Vorsitzender des Rheinischen Fechtklubs Düsseldorf, ansprach und wissen wollte, ob die Waffenbrüderschaft sich an der Verpflichtung eines italienischen (!) Fechtmeisters beteiligen wollte. Nach kurzem, intensivem Überlegen ergriff ich die einmalige Gelegenheit und sagte zu. Nun galt es, die finanzielle Basis für unseren Teil der Verpflichtung zu legen. (= ein Abend in der Woche). Inzwischen hatte auch der Reichsbahn Turn- und Sportverein Elberfeld sein Interesse an dem Italiener bekundet. Als erste Geldquelle konnte ich die Hitlerjugend in Essen gewinnen. Für die dort organisierten Fechtkurse zahlte die Stadt einen monatlichen Zuschuß von RM 60, -. (Dieser Betrag wurde bis zum Kriegsende gezahlt).
Aber dann gelang mir der eigentliche Clou: Seit meinem Eintritt in die Firma Krupp gehörte ich auch der Krupp'schen Betriebssport-Gemeinschaft an. Walter Idel und ich gründeten nun eine Fechtabteilung. Ich konnte die Firma bewegen, einen Fechtmeister, der rein zufällig Italiener war und aus Pisa kam, zu verpflichten - für zwei Abende in der Woche - und auch die Fahrtkosten von Italien zu bezahlen. An einem dieser Wochentage konnte er dann auch die Waffenbrüderschaft trainieren! Mitte 1937 kam Diplom-Fechtmeister Cavalliere Alfredo Angelini an und unser Traum hatte sich erfüllt.
Meister Angelini nahm seinen Wohnsitz in Düsseldorf, aber das Fahrgeld belastete ja nicht die Waffenbrüderschaft.
Der grauhaarige Italiener war bereits Anfang der fünfzig, agierte aber wie ein dreißigjähriger, und abgesehen von seinem südländischen Temperament war er ein hervorragender Fechtlehrer und Pädagoge. Fast sprunghaft ging es mit dem Verein aufwärts, und beachtliche sportliche Erfolge stellten sich ein. Eine danach kaum mehr erlebte Zusammenarbeit bildete die Grundlage: ich nahm die Anfänger unter meine Obhut und brachte ihnen das fechterische Einmaleins bei, der Meister erweiterte und vertiefte das Repertoire und Karl Wiemann vermittelte die Turniererfahrungen.
Der Verein erlebte eine Blütezeit.
Erfreulich war die Tatsache , daß allein durch die Anwesenheit eines Fechtmeisters viele Fechter wieder aktiviert wurden. Und unsere gemeinsamen Anstrengungen hatten bald die gewünschten Erfolge: in den folgenden Jahren waren es von nun an auf fast allen Aufstiegsturnieren - von der Anfängerprüfung bis zur Landesklasse - unsere Fechterinnen und Fechter, die so gut wie immer die ersten Plätze belegten. Bei den Herren waren vor allem Karl Wiemann, Fritz Schwigat, Walter Heinen, Bernhard Schmitz, Karl Mehrens, Peter Kronauer, und ich. Die Damen wurden erfolgreich vertreten durch die Schwestern Else und Lotte Vershoven, Hilde Hoffmann, Ännchen Büngeler, Anne van Teffelen und noch einige mehr. Die ersten Vertreter einer erfolgreichen Jugendarbeit waren Karl Matthies, Reinhold Schneider, Hans von der Linden u.a.
Diese aktiven, siegreichen Tätigkeiten hatten aber auch einen engen persönlichen Zusammenhalt zur Folge. Nun schien mir auch der Zeitpunkt gekommen, einen schon gehegten Gedanken in die Tat umzusetzen. Im April 1937 erschien die erste Ausgabe unseres neuen Vereinsnachrichtenblattes. Damit wurden Alle angesprochen, Aktive und Passive.
Außer den fechterischen Aktivitäten ergaben sich fortan auch viele gesellschaftliche Veranstaltungen. Zwei sollen hier stellvertretend für viele andere genannt werden: die Stammtischabende im Hotel Vereinshaus und die Himmelfahrtswanderungen. Diese Wanderungen wurden zu einem festen jährlichen Programm. Aus den Vereinsnachrichten vom Juni 1937 (für uns Ehemalige zur Erinnerung und den interessierten Nachkommen als Beispiel), ist zu entnehmen, wie damals gewandert wurde - im Grunde auch nicht anders als heute, nur die musikalischen Darbietungen haben sich (gewaltig) gewandelt.
Himmelfahrt 1937 ins Felderbachtal
Wir waren also aktiv und agil, und vielleicht deshalb wuchs unsere Gemeinschaft und wuchs, und die Halle im III. Hagen war plötzlich zu klein. Da aber diese Halle aus städtebaulichen Gründen abgebrochen werden sollte, standen wir Ende 1937 wiederum vor einem Umzug. Der damalige Stadtrat Fischer setzte sich für uns ein und konnte erreichen, daß uns die neuerbaute Turnhalle in der II. Weberstraße 9 zugewiesen wurde. Auf die Verteilung der Übungsstunden hatte er wohl leider keinen Einfluß, denn die Möglichkeiten, ein ordnungsgemäßes Fechttraining durchzuführen, waren mehr als spärlich: ein Wochenabend auf der 4 Meter breiten Empore und sonntagsvormittags von 11- 13 Uhr in der Halle. Das konnten wir natürlich nicht so hinnehmen. Zu dem Problem schrieb ich im Oktober 1937 in unserem Vereinsnachrichtenblatt zur Turnhallenfrage in einem Abriß seit Bestehen der Waffenbrüserschaft:
" ... Das fechterische Geschehen in Essen ging bisher - und wird auch vorläufig noch so sein - von der Waffenbrüderschaft aus. Warum wird uns gerade die Aufbauarbeit so erschwert ... Es kommt in diesem Fall nicht darauf an, daß ein Verein die Halle benutzt, sondern daß das Fachamt Fechten (Anm.: des Reichsamtes für Leibesübungen), vertreten durch den einzigen selbstständigen Sportfechtverein Waffenbrüderschaft Essen, Aufbauarbeit leisten kann. Ein
Übungsabend ist zuwenig ... die Empore wertlos." Nach intensiven Bemühungen gelang es mir Anfang 1938 endlich, drei Übungsabende in der Woche zu bekommen. Prompt stieg der Trainingsbesuch wieder an. Vor allem waren es die jugendlichen Mitglieder, die den Durchschnittsbesuch auf 20 Mitglieder anschwellen ließen. Die Jugendlichen sahen in dem hervorragenden Fechter und Fechtwart Karl Wiemann ihr großes Vorbild. Wiemann und ich - ich hatte in der Zwischenzeit die Vereinsführung übernommen - waren an jedem Übungsabend ab 18 Uhr in der Halle und erteilten bis 22 Uhr unseren Unterricht. Natürlich unentgeltlich.
Die Umstellung auf die Fechtschule von Meister Angelini brachte bereits 1938 erste beachtliche Erfolge. So gewann unser Florettfechter Fritz Wolf das Kreisklassenfechten im Januar in Mülheim, während Albert Hölsken den 2. und Manfred Pladdies den 4. Platz belegten. Auch unsere Damen waren erfolgreich und belegten den 1. (Anne van Teffelen), den 4. (Edith Langecker), 5. (Anne Denhard) und 6. Platz (Toni Harres). Albert Hölsken konnte auch im Säbel einen hervorragenden 3. Platz erringen, während er im Degen sogar 2. wurde! Aber gewonnen hat die Degenkonkurrenz unser Waffenbruder Hauptmann Scharte. Im darauffolgenden Bezirksklassenfechten waren alle zuvor genannten und dazu unser Vereinsmitglied Fritz Wehrenpfennig auf dem Siegespodest zu finden. Es ging also stetig aufwärts.
Übrigens: Fritz Wolf war Feldwebel am Essener Wehrbezirkskommando. Bei Kriegsbeginn ließ er sich zur Luftwaffe versetzen und wurde bald Leutnant bei einer fliegenden Einheit. 1943 war Fritz Wolf als Staffelkapitän in Salon (Südfrankreich), wo unser Mitglied Hans von der Linden oft mit ihm zusammen war und ihn auch wohl als letzten vor seinem Einsatz gesehen hat. Bei diesem Einsatz, - die italienische Flotte am Auslaufen zu hindern, - wurde Fritz Wolf beim Rückflug nach Salon über Korsika mit seiner Maschine "Marika" abgeschossen.
Hauptmann Scharte war Mitglied der Olympiamannschaft 1936. Er startete in der B-Klasse des Fünfkampfes und erreichte die Endrunde. (B-Klasse = Motorradfahren anstelle von Reiten).
Auch die "Etablierten" - wie man heute sagen würde - konnten weitere Erfolge an ihre Masken heften: konnte doch Karl Wiemann im Degen seinen Titel als Gaumeister zum dritten Mal hintereinander erfolgreich verteidigen, und errang Hilde Hoffmann (seine spätere Frau) bei den Damen den 2. Platz.
Der Gipfel des Erfolges der Arbeit un
eres Meisters zeigte sich jedoch bei den Gaumannschafts-Meisterschaften im Damen- und Herrenflorett: beide Mannschaften konnten die Gaumeisterschaft 1938 erringen! .
Die Damen Büngeler, Else und Lotte Vershoven und Hoffmann und die Florettfechter Wiemann, Winkelmann, Schwigat und Wehrenpfennig triumphierten über zum Teil recht renommierte Vereine.
Beide Mannschaften fuhren im Oktober 1938 dann zu den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften nach Leipzig.
Bereits in den Zwischenrunden kam das Ende: die Damen scheiterten an Offenbach, die Herren an Saarbrücken. Vielleicht waren die Erwartungen durch die Erfolge zu Hause schon zu hoch geschraubt gewesen. Nach einer kurzen Zeit der Enttäuschung, setzte sich dann doch die bessere Erkenntnis durch. Im Zug nach Hause waren wir schon wieder stolz darauf, überhaupt soweit gekommen zu sein.
Die geleistete gute Arbeit zeigte sich auch bei den Anfängerprüfungen in Mülheim. Nicht nur Ruth Steuernagel, sondern auch Matthies, Mais, Steiner, Wolf und Görke, Hans Steuernagel und Reinhold Schneider (Degen) glänzten durch saubere Klingenführung und vorbildliche Haltung, die damals noch mit Punkten bewertet wurde. In der Rückschau muß ich sagen, daß die Fechterinnen und Fechter der Waffenbrüderschaft fast über Nacht in Deutschland bekannt geworden waren.
Deutsche Mannschaftsmeisterschaft 1938 in Leipzig
K.Wiemann, Winkelmann, Schwigat, Wehrenpfennig
Hilde Wiemann, Lotte Vershoven, Else Vershoven, Ännchen Büngeler
Wir hatten ja auch ein System, das heute - fünfzig Jahre danach zum Ausbildungsprinzip erhoben wurde: das Schneeball- oder Kaskadensystem. Wie man sieht, hatten wir gute Erfolge damit, obwohl wir ja erst am Anfang unserer Ausbildungs- und Erfolgsleiter standen, denn wer die Arbeit in der Fechtschule kennt, weiß, daß Jahre nötig sind, um herausragende, dauerhafte Erfolge zu erzielen. Das System ist eigentlich ganz simpel: die Arbeit des Fechtmeisters wird durch die Übungsleiter (damals die Vorfechter) an diejenigen Fechter weitergegeben, die keinen Meisterunterricht erhalten.
Die Ergebnisse unserer guten, phantasievollen Schulungsarbeit auch in der Jugendarbeit zeigten sich, als anläßlich eines Lehrganges in Berlin im März 1939 der bekannte Fechtmeister Hollos vom Reichsfachamt Fechten die Ausbildung in der Waffenbrüderschaft würdigte. Er bescheinigte mir, daß im Reich in Essen neben Wien und Düsseldorf die beste Jugendarbeit geleistet würde. Wir waren alle stolz, und das gab uns die Kraft, auf dem Wege weiterzumachen.
In dieser Zeit der Blüte war naturgemäß der Turnierbesuch sehr stark. 1939 nahmen Fechter der Waffenbrüderschaft an zwanzig Turnieren teil, bei fast allen waren unsere Fechter im Finale (Platz 1 - 6) vertreten.
Es seien nur einige hier genannt:
Kreisklassenfechten im Januar 1939 in Mülheim: Damenflorett:
1. Lotte Vershoven, Herrenflorett: 1. Kurt Görke, 2. Heinz Hallerbach, 6. Hans Steuernagel; Degen: 1. Heinz Hallerbach, 3. Kurt Görke, 5. FritzWolf, 7. Karl Matthies; Säbel: 1. Heinz Hallerbach (!). Das war für alle der Aufstieg in die Bezirksklasse, deren Vergleich im Februar ausgetragen wurde. Damenflorett: 2. Else Vershoven, 3. Lotte Vershoven, 5. Toni Harres; Herrenflorett: 1. Fritz Schwigat, 3. Bello Kreutzberger, 5. WalterWinkelmann; Degen: 1. Scharte, 4. Bernhard Schmitz, 5. Bello Kreutzberger 6. Heinz Lebkücher; Säbel: 1. Fritz Schwigat, 3. Bernhard Schmitz, 4. Fritz Wehrenpfennig.
„Bello'' Kreutzberger war erst 1938 nach Essen gekommen. Er war Saarländer und sein Metier die Denkmalspflege, späterer Leiter des Hochbauamtes der Stadt Essen.
In der Vorkriegszeit war es durchaus üblich in allen drei Waffen zu starten und vordere Plätze zu erringen. Bei den Gebietsmeisterschaften der Jugend wurden die Plätze 2 - 4 von Manfred Pladdies, Josef Mais und Reinhold Schneider belegt.
Im März 1939 kämpfte unsere mittlerweile bekannte Säbelmannschaft mit Wiemann, Schwigat, Winkelmann, Schmitz und Wehrenpfennig um das "Schwert des bergischen Landes" von Elberfeld. Unter 14 starken und bekannten Mannschaften aus dem ganzen Reich errangen sie einen 5. Platz. Ebenfalls im März (18. und 19.) wurde die Gausonderklasse im Florett für Männer ermittelt:Wiemann (3.), Schwigat (5.) und Kreutzberger (8.). Im Säbel kam Karl "Männe" Wiemann auf den 3. und Fritz Schwigat auf den 6. Platz. Ännchen Büngeler wurde bei den Damen 6. und Else Vershoven 5.
Im Mai dieses Jahres, kam es zu einem Freundschaftsfechten mit einer Mannschaft der Kriegsmarine aus Kiel im Säbel und Degen. Unsere Gäste traten mit folgender Mannschaft an: Oberstabsarzt Dr. Pohl, Oberleutnant Zinke, Oberleutnant Rose, Feldwebel auf der Heide und Feldwebel Harder. Wir traten mit den erfahrenen Fechtern Wiemann, Schwigat, Schmitz, Wehrenpfennig, Hallerbach und Winkelmann auf die Planchen! Wir gewannen im Säbel mit 20 : 16 und verloren im Degen mit 17 : 18.
Die Gäste aus dem Hohen Norden wurden von der Stadt offiziell in der "Heimlichen Liebe" empfangen. Nach einem gemeinsamen Mittagessen wurde die Gruga besucht. An den sportlichen Vergleich schloß sich ein Stadtbummel an, bei dem wir alle zum Schluß im Weinhaus "Traube" landeten, um die neue Freundschaft zu begießen. Die Herren "Matrosen" in Zivilanzügen, die wir ihnen geliehen hatten.
Zum ersten Mal konnten in diesem Jahr unsere Fechterinnen und Fechter sich für die Deutschen Einzel-Meisterschaften qualifizieren. (29. 6. - 2.7. 1939 in Barmen).
Damenflorett: Else Vershoven, Ännchen Büngeler, Hilde Hoffmann, inzwischen die Frau unseres Freundes Karl Wiernann,
Herrenflorett: Schwigat, Kreutzberger und Wiemann,
Säbel: Schwigat undWiemann und im
Degen: Wiemann.
Konnte auch keiner unserer Aktiven bis in die Endrunde vorstoßen, so war doch das Erreichen der Zwischenrunde schon ein Erfolg!
In diesem Jahre fielen die Deutschen Mannschafts-Meisterschaften aus. Daher trafen sich am 28. 11. 1939 in Düsseldorf, der Deutsche Fecht-Club Düsseldorf, der Rheinische Fecht-Club Düsseldorf, Köln und die Waffenbrüderschaft Essen zu einem Vergleichskampf. Damenflorett: Else Vershoven, Ännchen Büngeler, Frau Banaczek und Fräulein Schmitz;
Herrenflorett: Schwigat, Wehrenpfennig, Kreutzberger und Wiemann,
sowie im
Säbel: Schwigat, Wehrenpfennig, Winkelmann und Wiemann konnten jeweils ihre renommierten Konkurrenten auf die Plätze verweisen und gewannen das Turnier. Ein schöner Erfolg.
Damit konnten wir uns zum stärksten Verein in Westdeutschland mausern. Die Anfängerprüfungen des Jahres 1939 wurden im Dezember in Essen ausgerichtet. Die "Essener Allgemeine Zeitung" schrieb dazu unter der Überschrift "erfolgreiche Anfängerprüfung der Fechter" u.a.: "Die diesjährige Anfängerprüfung der Fechter, die von der Essener Waffenbrüderschaft ausgerichtet wurde, war mit 27 Meldungen über Erwarten gut besetzt. Daß die Waffenbrüderschaft und der Werdener Tbd. stets die meisten Teilnehmer stellen, ist schon Überlieferung, aber ein wesentliches Merkmal war diesmal die sta
ke Beteiligung der Jugend. Allerdings wäre bei den Fechterinnen eine größere Teilnehmerzahl erwünscht, denn es sind immer gute Anfänge zu verzeichnen, aber das Durchhalten scheint den Fechterinnen schwer zu fallen. Diesmal waren ihre Leistungen gleichwertig.
Ein sehr guter Durchschnitt war im Florett zu verzeichnen, aber im Säbel standen die Leistungen auf einer bei Anfängerprüfungen bisher nicht erreichten Höhe. Hier bestachen vor allem die Anfänger der Waffenbrüderschaft, bei denen sich die Schule des Fechtmeisters Angelini auswirkte. Jeder Teilnehmer hatte neben einer theoretischen Prüfung ein Schönheitsfechten sowie drei Gefechte gegen ausgeloste Gegner durchzuführen."
Ich muß noch hinzufügen, daß alle Leistungen zusammen mit Punkten bewertet wurden. Unsere Fechter schnitten erwartungsgemäß gut ab und bestanden alle.
Damenflorett: Edith Brozy 7 Punkte,
Herrenflorett: Hans von der Linden 9 Punkte, Werner Büllesbach 8, Helmut Freisehen und Siegfried Schlegel 7 Punkte;
Säbel: Josef Mais, Karl Matthies und Manfred Pladdies je 9 Punkte, Hans von der Linden und Reinhold Schneider je 8, Hans Steuernagel 6 Punkte.
Das Jahr 1939 war wohl das erfolgreichste Jahr seit Bestehen unseres Vereins, seit 1925. Es sind
nicht nur die herausragenden Einzelkönner, die das Bild bestimmen, sondern fast die gesamte Fechterschaft der Waffenbrüderschaft hat ein sportliches Niveau erreicht, das in unseren Breiten kaum ein zweites Mal zu finden war: Essen war eine Hochburg des Fechtsportes im Westen Deutschlands geworden.
Aber bei all der vielen Arbeit für "unseren edlen Sport" (Ausspruch Wiemann) kamen Freundschaft und Geselligkeit nie zu kurz. Nach jedem Training kamen wir zum Stammtisch im Hotel Vereinshaus zusammen, wo der Hotelier Bosse uns schon zur Familie zählte. Das ging so weit, daß, wenn es einmal sehr spät wurde auf dem Fechtboden, wir uns selbst bedienen konnten mit Getränken und „Löwenkötteln", auf Treu und Glauben, und beim nächsten Mal abrechneten. Traditionell wurden die Himmelfahrts-Wanderungen von Freund Willy Odendahl aufs Beste organisiert, war er doch so etwas wie die "Vergnügungsseele" unseres Vereins. In diesem Jahr war das Ziel der Beerenwirt in Langenberg. Die Geschichten, die sich um diese Tage ranken, würden ein weiteres Buch füllen. Nur die Erinnerungen bleiben, und viele, viele Bilder ...
Der Kriegsbeginn am 1. September 1939 brachte auch für uns Fechter und Fechterinnen von der Waffenbrüderschaft einschneidende Veränderungen und Härten. Während die männlichen Mitglieder nach und nach zum Kriegsdienst eingezogen wurden, waren es vor allem unsere Damen, die sich durch die totalen Verdunkelungsmaßnahmen in unseren Straßen vom Besuch des Trainings zurückhalten ließen. So konnte man schon früh für das Jahr 1940 voraussehen, daß auch der Turnierbesuch längst nicht so zahlreich sein würde wie 1939. Es war nur gut und zahlte sich nun aus, daß wir in der letzten Zeit eine so gezielte gute Jugendarbeit geleistet hatten. So konnten die Ausfälle der älteren Fechter wegen der Zeitverhältnisse durch die Jugend zum großen Teil ersetzt werden.
Das Jahr 1940 begann mit den Deutschen Mannschafts-Meisterschaften im Säbel im Januar in Berlin. In der Bereichsmannschaft Niederrhein fochten zwei Essener: Unser Karl Wiemann und Jupp Banaczek vom Werdener Tbd. Sie kamen bis in die Vorschlußrunde. Am 14. 1. 1940 fand in Essen das Leistungsklassen-Fechten der Jugend des Gaues Ruhr-Niederrhein statt. Unsere Jugend stellte in allen Waffen die Sieger (Damenflorett: 1. Ruth Steuernagel, Herrenflorett: 1. Manfred Pladdies, 2. Josef Mais, 3. Wolfgang Schneider, die Plätze 5 und 6 errangen Freisehen und von der Linden. Säbel: 1. Manfred Pladd
es, 2. Reinhold Schneider 3. Josef Mais).
Auch das Kreisklassenfechten des Gaues Niederrhein in Duisburg am 21. 1. 1940 sah wie gewohnt unsere Fechter vorne: Florett: 1. Karl Matthies, 3. Hans Steuernagel; Säbel: 1. Bello Kreutzberger, 2. Karl Matthies.
Unter der Leitung von Bello Kreutzberger und mir fand am 28. 1. 1940 das Hallensportfest der Essener Jugend statt. Am 11. Februar richteten wir wieder einmal die Bezirksmeisterschaften in unserer Halle an der II. Weberstraße aus. Auch hier belegten wir mit unseren Fechtern unter 50 Teilnehmern die vordersten Plätze: bei den Damen siegte Lotte Vershoven, Edith Langecker wurde 4. Im Florett konnte ich den ersten Platz belegen, vor Fritz Wehrenpfennig, Reinhold Schneider und Karl Matthies auf den Plätzen 2 bis 4. Heinz Lebkücher wurde Zweiter im Degen. Säbel: 1. Bernhard Schmitz, den 2. Platz konnte ich erringen, wiederum vor Fritz Wehrenpfennig (4.) und Karl Matthies (5.).
Am 11. 2. 1940 schrieb die Presse: .Essener Waffenbrüderschaft an der Spitze (Überschrift). Die ausgezeichnete Organisation der von der Essener Waffenbrüderschaft vorbereiteten Bezirksgruppenmeisterschaften sorgte dafür, daß die überaus zahlreichen Gefechte reibungslos abgewickelt wurden. Im Florett gab es bei den Fechterinnen eine Überraschung, da Lotte Vershoven (Waffenbrüderschaft) im Stichkampf Frau Maibach (Duisburg 48/99) schlagen konnte ... Bei den Fechtern hatte sich in den beiden Vorrunden die Waffenbrüderschaft an die Spitze gesetzt, und Winkelmann und Wehrenpfennig mußten in der Endrunde mit je einer Niederlage den Besten durch Stichkampf ermitteln. Winkelmann gewann. Der Jugendliche Schneider (WBE) zeigte auch jetzt hervorragendes Können und erkämpfte sich den dritten Platz, da er nur gegen die beiden Besten verlor ... "
Die Bereichsmeisterschaften 1940 wurden am 29. März von der Kruppsehen Betriebssportgemeinschaft in Essen ausgerichtet. Die Gefechte hatten trotz der Kriegszeit nichts an Einsatzwillen und Kampffreudigkeit der Teilnehmer verloren. In der Sonderklasse der Fechterinnen errang die Waffenbrüderschaft den 3. (Ännchen Büngeler) und den 6. Platz (Lotte Vershoven). In der Sonderklasse der Herrenflorettfechter wurde Karl Wiemann 2. (natürlich) und Walter Winkelmann 5.
Bei den Bereichsmeisterschaften im Säbel konnten wir Waffenbrüder einen Siegerlorbeer an unsere Fahne heften: mit meinen Freunden Wiemann , Schmitz und Wehrenpfennig konnten wir den ersten Platz belegen und so gute und renommierte Mannschaften wie DFC und RFC Düsseldorf und Duisburg 48/99 auf die Plätze verweisen.
Zum ersten Mal konnten wir am 19. 5. 1940 keine Degenmannschaft für die o.a. Meisterschaften stellen, da unsere besten Degenfechter bereits beim Militär waren. Unsere Florettisten wurden zweite hinter DFC Düsseldorf.
Das zweite Kriegsjahr begann mit einem Säbelturnier am 19. Januar 1941 in der Turnhalle Mühlenstraße, da, wo sich heute der Varnhorstkreisel befindet. Ausgerichtet wurde dieser Vergleichskampf von der Wettkampfgemeinschaft Krupp, der jüngsten Essener Fechtgemeinschaft. Von den sieben gestarteten Mannschaften siegte der Deutsche Fechtklub Düsseldorf vor Werden und der Waffenbrüderschaft. Die nach uns platzierte Hf-Mannschaft (4.) und die Studenten der staatlichen Ingenieurschule Essen (7.) bestanden aus Mitgliedern unseres Vereins. Ich meine ein Zeichen der guten Breitenarbeit und der vortrefflichen fechterischen Schule, die wir mit unseren Fechtlehrern vermitteln konnten.
Auf dem Bezirksklassenfechten siegte wieder einmal Else Vershoven vor Hilde Wiemann. Toni Harres wurde sechste. Im Herrenflorett belegte Werner „Bello" Kreutzberger den 4. und Fritz Wehrenpfennig und Karl Sauter den 7. und 8. Platz. Im Säbel errang Kreutzberger den 3. Platz, ich wurde zweiter.
Mit zunehmender Kriegsdauer wurden die Auswirkungen immer deutlicher, so konnten wir zu den Bereichsmeisterschaften in der schönen Halle der Deutschen Edelstahlwerke in Krefeld am 24.3. 1941 wieder keine Degenfechter mehr entsenden. Sozusagen als die letzten der Mohikaner konnten Bello Kreutzberger und ich den 3. und 4. Platz erringen (Florett). Bei den Bereichsmeisterschaften im Damenflorett und Säbel, die gleichzeitig als Ausscheidungen für die Deutschen Meisterschaften galten und in Essen im Haus der Technik stattfanden, (4.5. 1941), wurde ich diesmal achter, Kreutzberger 10. bei insgesamt nur 15 Meldungen. Auch im Damenflorett hatten sich nur 12 Fechterinnen gemeldet, Else Vershoven wurde 3., Ännchen Büngeler 4.
Damit hatten sich beide für die "Deutschen Meisterschaften" qualifiziert, die wahrscheinlich als Kriegsfolge von Berlin nach Bad Kreuznach verlegt worden waren. (August 1941).
Am 29. Juni 1941 waren die Spitzenfechter der Bereiche Niederrhein und Mittelrhein - soweit sie noch nicht einberufen waren - zu einem Lehrgang und Vorbereitungsturnier für die Deutschen Meisterschaften nach Mülheim-Ruhr zusammengerufen worden. Unter Leitung der Reichstrainer Fechtmeister Perno (Florett) und Fechtmeister Rischka (Säbel) war dieser Lehrgang ein Spezialtraining voller Tempo und Schweiß.
Um uns und auch unseren Angehörigen und Freunden zu beweisen, wie stark die sportlichen Aktivitäten in unserem Verein noch waren, in diesen schweren Zeiten und wie intakt unser Zusammengehörigkeitsgefühl, fuhren wir am 3. August 1941 auf Einladung von Eintracht Dortmund mit vier Mannschaften in die Bierstadt. Unsere Mannschaften:
Herrenflorett: Schneider, Sauter, Mais, Kreutzberger, Winkelmann siegen 16 : 9
Säbel: wie Florett, siegen 17 : 8
Damenflorett, 1. Mannschaft: Else Vershoven, Edith Langecker, Edith Brozy, Ännchen Büngeler, Toni Harres, siegen 16 : 9,
2. Mannschaft: Ruth Winzer, Erika Breitfeld, Mieze Vogt, Edith Brozy, Toni Harres, siegen 14 : 1l.
Nicht nur, daß alle unsere Mannschaften siegten, es blieben auch die Erinnerungen an ein schönes Turnier und herrliche Stunden bei unseren Dortmunder Freunden.
Wie bereits erwähnt fanden die Deutschen Meisterschaften 1941, die Kriegsmeisterschaften, in Bad Kreuznach statt, im großen Kursaal. Von uns nahmen Else Vershoven-Schwigat, Ännchen Büngeler, Bello Kreutzberger und ich teil, die ebenfalls qualifizierten Karl Wiemann und Reinhold Schneider mußten inzwischen in wirklichen, tödlichen Gefechten irgendwo in der Welt ihre Haut zu Markte tragen.
Von uns Teilnehmern war Ännchen Büngeler schließlich am erfolgreichsten: sie erfocht sich in hervorragender Haltung einen 10. Platz und fand somit Aufnahme in der Reichssonderklasse für Damenflorett. Wir waren mächtig stolz und gönnten ihr den Erfolg von Herzen, fiel doch ein wenig von dem Glanz auch auf unseren Verein. Und stolz konnte auch ich sein, der ich für die Ausbildung zuständig war, daß die sportliche-fechterische Arbeit in der Waffenbrüderschaft zusammen mit Fechtmeister An
elini ihre Früchte trug. So wie es in diesem Jahr unserem Ännchen gelungen war, so war im Jahr zuvor (1940) Karl Wieman in den Olymp vorgestoßen, und Reinhold Schneider war Dritter bei den Reichs-Jugendmeisterschaften!
An dieser Stelle muß ich ein Wort sagen zu einer sportlichen Eigenart der damaligen Zeit. Die staatlichen NS-Jugendorganisationen HJ und BdM ließen sich natürlich den Bereich des Sportes nicht entgehen. So war nur natürlich, daß auch im Bereich dieser Organisationen viele Turniere bis hin zu Reichsmeisterschaften mehr oder weniger zwangsweise zu besuchen waren. Auch hier konnten unsere Jugendlichen aufgrund ihrer meisterlichen Ausbildung sich stets vordere Plätze sichern. Dank vor allem dem großen Können unseres Meisters Angelini.
Das Leben in unserer Stadt wurde mit zunehmender Kriegsdauer immer schwieriger. Ungefähr zu dieser Zeit begannen, erst allmählich, dann sich ständig steigernd die Luftangriffe auf Essen. Erst waren es wohl nur Aufklärungsflüge. So war zum Beispiel nach einem Gebietsvergleichskampf mit Bremen und Hessen in der Turnhalle II. Weberstraße, d
e nächtliche, vollständig verdunkelte Stadt in allen vier Himmelsrichtungen durch Scheinwerfer taghell erleuchtet, als wir von einer Nachfeier - u.a. mit dem jetzigen efg-Präsidenten Karl Heinz Krieb der für Hessen startete - nach Hause strebten.
Dann begannen die Bombenangriffe auf Essen, zuerst nur vereinzelt. Oft haben wir ab da im Keller unserer Halle gesessen, statt zu trainieren, viele Stunden lang. Auf den Nachhausewegen mußten wir immer häufiger über Trümmer klettern, ich höre heute noch das Knirschen der Glassplitter unter den Schuhen.
Als 1942 in Stalingrad eine ganze deutsche Armee zu Grunde ging, bekam der Sport bei der Staatsführung plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Wir Essener "Sportführer" wurden von der Partei- und Sportführung aufgefordert, soviel Sportveranstaltungen wie möglich aufzuziehen für möglichst viele Zuschauer, um - im Rahmen mit anderen kulturellen Veranstaltungen - die Bevölkerung von dem Geschehen an den vielen Fronten möglichst abzulenken. So wurde der Sport damals schon als ein politisches Instrument mißbraucht. Aber zurück zum Sport.
Am 31. 1. und 1. 2. 1942 fand im Rittersaal der Düsseldorfer Tonhalle ein reichsoffenes Florett-Einzel-Turnier für Männer und Frauen statt. Aus dem ganzen Reichsgebiet meldeten sich 60 Fechter und 70 Fechterinnen . Auch bei diesem Turnier, bei "dem die Wettkämpfe qualitativ sehr hochstehend waren und man oft begeistert war, wenn feine Technik und körperlicher Einsatz harmonisch zusammenfanden" (Essener Sportzeitung vom 4.2.42), konnten sich unsere Fechterinnen und Fechter hervorragend platzieren: Else Vershoven-Schwigat wurde 13. und Ännchen Büngeler 18. Wieder einmal konnte ich einen Platz (8.) vor Bello Kreutzberger (9.) erringen, während Fritz Schwigat auf dem 12. und Fred Meisterburg auf dem 17. Platz landeten.
Auch bei den Bezirksmeisterschaften am 8. 3. 42 in Düsseldorf konnten vordere Plätze erfochten werden: Hilde Wiemann 2., Reinhold Schneider (Florett) 2. und Karl Matthies 3., der auch im Säbel den 2. Platz belegen konnte.
In Essen (19.4.42, Turnhalle II. Weberstraße) ging es bei den Bereichsmeisterschaften wieder einmal um die Qualifizierung für die Reichsmeisterschaften im Damen- und Herrenflorett. Die Meldungen bei den Männern nahmen immer mehr ab, da sich die Reihen der Fechter durch den Kriegsdienst immer mehr lichteten. Unsere Damen waren wie immer ganz vorne. Else Vershoven-Schwigat 3., Hilde Wiemann 5. Zum ersten Male konnte ich bei der Bereichsmeisterschaft den ersten Platz belegen, fairerweise muß ich sagen, daß ich begünstigt war durch die Ausfälle der anderen Florettfechter. Aber gefreut habe ich mich doch sehr. Zweiter wurde Karl Matthies, 5. Karl Sauter und 9. Hans Steuernagel.
Wie übrigens der Deutschen Fechter-Zeitung vom Januar 1942 (Nr. 1/2) zu entnehmen war, wurde in diesem Jahr nur in der BSG Krupp gefochten, bei uns und ein bißchen noch beim Verein Essener Florettfechter, der aus der Privatfechtschule Ruth Koetter hervorgegangen war.
Nachdem im März 1943 der erste von vielen späteren Großangriffen begonnen hatte, Essen in einen Trümmerhaufen zu verwandeln, war abzusehen, daß der Sportbetrieb nicht mehr lange aufrechtzuerhalten war. Naturgemäß wurden auch die Turniere immer weniger, und die meisten konnten wir zum großen Teil nicht mehr besuchen. Ein großes und ehemals wichtiges Turnier ließen wir uns jedoch nicht entgehen: die Bereichsmeisterschaften 1943 (16. Mai) in Düsseldorf für Damen- und Herrenflorett. Bei den Damen kletterte unsere Else Vershoven-Schwigat auf dem Treppchen ganz nach oben, sie wurde Erste und damit Nachfolgerin der siebenfachen Bereichsmeisterin Lilo Grasses (Rheinischer Fecht-Klub Düsseldorf). Fräulein Grasses wurde nach dem Krieg eine erfolgreiche Trainerin, die auch einige Jahre in Essen wirkte. Bei den Herren wurde Fritz Schwigat 2. und ich 3. Den 5. und 6. Platz errangen Karl Matthies und Josef Mais. Obwohl mit diesen hervorragenden Platzierungen wieder die Berechtigung zur Teilnahme an den Reichsmeisterschaften verbunden war, konnten wir aber daran nicht mehr teilnehmen.
Die immer häufigeren Luftangriffe forderten immer mehr Opfer. Auch ich gehörte seit März 1943 zu den Totalgeschädigten, ich hatte nicht einmal mehr, wie man so sagt, einen Kragenknopf. Gott-sei-Dank konnten meine Frau und ich eine Wohnung im Stadtwald ergattern, aber auch hier wurden wir nach kurzer Zeit teilausgebombt.
Mitte des Jahres 1943 verließ uns Karl Matthies, seine Firma versetzte ihn ausgerechnet nach Berlin. Auch ich mußte meiner Heimatstadt und unserem Verein den Rücken kehren. Meine Firma verlagerte ihren kriegswichtigen Betrieb in den Elsaß, und ich mußte mit meiner Frau natürlich folgen. Damit war die Stelle des "Vereinsführers" verwaist. Im Juni 1943 übernahm Else Vershoven-Schwigat die Führung der Waffenbrüderschaft bis zum bitteren Ende 1945. Sie trat ein Erbe ohne Erbe an, jeglicher Sportbetrieb ruhte, jetzt gab es nur noch den Kampf ums Überleben. Von nun an bestimmte nur noch der Krieg und seine Auswirkungen unser Leben.
10 Waffenbrüder und Freunde mußten ihr Leben lassen, darunter auch unser Lehrer und vielfacher Meister Karl "Männe" Wiemann, unser Freund und Vorbild.
Aus heutiger Sicht muß ich feststellen, daß wir alle, die wir um den Bestand der Waffenbrüderschaft fast während der ganzen Zeit ihres Bestehens gekämpft haben, mit Schwierigkeiten, die manches Mal unüberwindlich schienen, wirklich zusammengehalten haben. Bezeichnend für unser Gemeinwesen" Waffenbrüderschaft" , an der wir alle so gehangen haben, war das Zusammengehörigkeitsgefühl. Lag darin das Fundament für den Neuaufbau des Fechtsportes in Essen?
Zunächst sah es nicht danach aus. Der Fechtsport war von den alliierten Behörden in Deutschland verboten. Aber bereits Ende 1945 rührten sich die ersten Fechter wieder in vorsichtigen Kontaktaufnahmen untereinander. So stand ich, der ich seit den letzten Kriegstagen mit meiner Frau in Kulmbach gelandet war, mit Paul Schulze (Deutscher Fecht-Klub Düsseldorf) in ständigem Briefkontakt. Schulze war vor 1933 Sportwart des Fechtverbandes der DT gewesen. Allenthalben wurde in Artikeln, Leserbriefen und sonstigen Veröffentlichungen versucht, die Besatzungsmächte davon zu überzeugen, daß Sportfechten keine vormilitärische Ausbildung sei. Vielleicht haben dieses stetigen Äußerungen dazu geführt, daß die Engländer hierzulande die ersten fechterischen Versuche zumindest geduldet haben - in privaten Zirkeln. So wurde rund zwei Jahre lang im Flur meiner Wohnung in der Dreilindenstraße - wir waren 1947 nach Essen zurückgekehrt - gefochten.
Einige meiner alten Freunde wie Hans von der Linden, Fritz Schwigat, Fred Meisterburg, Karl Matthies, "Bello" Kreutzberger und der Dresdner Emil Leonhard hatten sich wieder zusammengefunden. Neu hinzugekommen war der bis in unsere Tage bekannte und aktive Manfred Wulf (damals 13). Die Begeisterung war so groß und der Einsatz so vehement, daß Manfred einmal durch meine Fußbodendielen krachte!
Allmählich kamen sich englische und deutsche Fechter, wenn auch zögernd, näher. Nicht unwesentlichen Anteil daran hatten unser italienischer Fechtmeister Angelini und die Düsseldorferin Lilo Grasses, die beide zeitweise bei den Engländern tätig waren. Auf meine Einladung kam in Essen einige Male ein englischer Offizier in meine Wohnung zum Training - mit seiner deutschen weiblichen Begleitung.
Neben diesen ersten zaghaften sportlichen Versuchen wollte ich in Essen versuchen, alle Fechter in Zukunft unter ein Dach zu bringen, sie nach dem Ende des Fechtverbotes in einem Verein zusammenzufassen. Essens Fechter unter einem Hut! Allerdings ließen mich die Besatzungsbehörden wissen, daß ein Verein mit dem Namen "Waffenbrüderschaft" nicht mehr zugelassen würde! Somit begann ich Fühlung mit dem ETUF, der ja in Essen mit dem Fechten 1884 begonnen hatte, aufzunehmen.
Nach Kontakten mit den Herren "Hockey"-Meier und Prof. Dr. Heermann und vor allem nach einem für die Zukunft günstig erscheinenden Vorschlag des ETUF-Vorstandesmitgliedes Dr. Goldschmidt traten nach der Offiziellen Aufhebung des Verbotes (21. 3. 1950) rund 25 ehemalige Waffenbrüder dem ETUF bei und gründeten die Fechtabteilung neu.
Das Fechten ist erlaubt.
Nach Mitteilung des Bundeskanzleramts vom 28. März 1950 - 7205/2261/50 - hat der geschäftsführende Vorsitzende der Alliierten Hohen Kommission mit Schreiben vom 21. März 1950 - AG EC (50) 517 - folgende Genehmigung des Fechtsports erteilt:
"Ich beehre mich, Ihnen mitzuteilen, daß die Alliierte Hohe Kommission die Wiederaufnahme des Fechtens nicht beanstandet, soweit sich die Ausübung dieses Sportes nach Regeln des Internationalen Fechtverbandes vollzieht. Sie geht dabei indessen davon aus, daß die Durchführung des Duells in allen seinen Formen, insbesondere die studentische Mensur, streng untersagt bleibt. Das Benutzen von Bajonetten, ganz gleich ob aufgepflanzt oder nicht, wird ebenfalls als militärische Tätigkeit angesehen und als solche gemäß Gesetz Nr. 16 der Alliierten Hohen Kommission geahndet. "
So ging mit der neuen Zeit, die nun anbrach, auch unsere alte, geliebte "Waffenbrüderdschaft" zu Ende. Nicht nur der Name paßte nicht mehr in die Zeit, die zu neuem Denken aufbrach, auch das Vereinsleben, das Sportlerdasein änderte sich von grundauf. Nur merkten wir das anfangs nicht.
So war auch das Gedicht, das Walter Idel verfaßte: "Ende und Anfang" noch ganz vom Geiste der 20er und 30er Jahre geprägt:
"Die Waffenbrüderschaft ist nun dem Namen nach begraben,
dem ETUF gilt nun unser Tun ... "
Auf jeden Fall sind wir mit dem alten Elan, der uns so viele Schwierigkeiten und Hürden überwinden half, an die neue Aufgabe im ETUF gegangen. Der Erfolg war uns auch hier beschieden - nachzulesen in der Geschichte des ETUF.
Auch an der Gründung des Rheinischen und des Deutschen Fechterbundes waren Essener Fechter beteiligt, u.a. hatte ich als Schriftwart die ehrenvolle Aufgabe, 1949 an der ersten Satzung des RFB mitzuarbeiten .
Meine Frage vom Anfang dieser Erinnerungen, ob es sich gelohnt hat, ein halbes Menschenleben dem Fechten zu widmen, kann ich nach 60 Jahren Fechterdasein nur bejahen. Denn auch ein Verein ist Leben. Und die Zeiten, die wir erlebt und gelebt haben, haben mich schließlich zu dem gemacht, der ich heute bin.
Guter Rat
Als ein Student mit dem geschulterten Fechtsack zum Training ging, wurde er in der Nähe des Hauptbahnhofes von einem älteren Herrn auch ein Fechter, wie sich später herausstellte - gefragt:
"Können Sie mir sagen, wie ich zu den Essener Fechtern komme?" Der so Angesprochene musterte den Fragesteller und meinte dann: "Trainieren, trainieren, - eifrig trainieren!"
Mit der Kriegsmarine Wilhelmshaven war 1939 für einen Vergleichskampf mit der Waffenbrüderschaft vereinbart worden, daß jeder Fechter nur in einer Waffe starten sollte. Deshalb kam auch ich mit Degen zum Einsatz. Meine Mutter hatte meinen ersten Fechtanzug selber genäht und wohl weder den richtigen Oberstoff noch ein geeignetes Futter verwendet. Seinerzeit waren die Degen mit 4 scharfen Spitzen versehen. Sie hakten den Stoff an mehreren Stellen auf und auch die Haut blieb nicht unverschont.
Der Wettkampf ..... ich verlor alle Gefechte, aber ich war zum ersten Mal richtig dabei: Nach diesem ersten größeren Turnier nach bestandener Anfängerprüfung mag ich so wie auf der ital. Karikatur ausgesehen haben. Dann wurde ordentlich gespart, um einen "richtigen" Fechtanzug zu kaufen.
Noch eine Geschichte
Der Fecht-Jagd-Angel-Musik-Verein
Was ich berichte, muß sich so etwa 1940/41 zugetragen haben und geschah anläßlich irgendeines Wettkampfes oder Ausscheidungskampfes für die damalige Gebietsmannschaft Ruhr-Niederrhein. Ich versuche, in meiner Erinnerung zu kramen, und mir fallen die Namen Werner Büllesbach, Siegfried Schlegel und Eberhard Fertsch - die alle drei im Krieg geblieben sind - sowie Hermann Heinemann, Herbert Pörschke und Horst Idel ein. Soweit ich mich erinnere, fand der Wettkampf in Duisburg statt, aber auch Rheinberg wäre möglich.
Wir trafen uns am Hauptbahnhof, waren guter Dinge und hatten - ich weiß nicht, ob das heute auch noch so ist - die unterschiedlichsten Waffensäcke geschultert. Da gab es vom Eigenbau über einfache Leinensäcke mit kleinem Korbteil über feine Lederkonstruktionen schon beinahe Geigenkasten ähnliche Apparate.
Was jedoch den Zeitgenossen bewogen haben mochte, uns im Bahnsteigaufgang lauthals "Waidmannsheil" nachzurufen, bleibt wohl immer ein Rätsel. Natürlich haben wir alle schallend gelacht und unsere Witzeleien gemacht, ohne Böses zu ahnen. Es muß wohl im Zug gewesen sein während des Durchschlängelns und Suchens nach einem Sitzplatz, daß irgendwer nach kurzer Musterung unserer Gesellschaft verwundert bemerkte, heute sei doch kein Wetter zum Angeln. Aber wir müßten es ja wissen: „Petriheil!" Zwischen die erneute Heiterkeit mischte sich nun doch leise Frustration, und es traten die ersten Überlegungen auf, was uns denn noch alles blühen könnte. Und es blühte! Beim Verlassen des Ankunftsbahnhofs lungerten im Ausgangstunnel einige halbschräge Gestalten, die anscheinend vom Vorabend übrig geblieben waren. Von denen wurden wir nun lauthals und fröhlich begrüßt und mit der Aufforderung bedacht "He, Jungs, spielt mal einen!"
Ich weiß nicht, ob dieser Vorfall, der noch oft wiedererzählt wurde mit den entsprechenden Glossen, nicht vielleicht auch dazu beigetragen hat, nach einem Verein Ausschau zu halten, in dem nicht nur ausschließlich gefochten wurde.
Ortwin Lahm

