Autor:
Günter Nicolai
Erschienen: 2000


1950

Das Ende des Zweiten Weltkrieges hatte - zusätzlich zu den während des Krieges entstandenen Belastungen tiefe Einschnitte in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland zur Folge.
Beim Sport waren vor allem die Disziplinen betroffen, die mit Hilfe von Waffen betrieben wurden und deren Ausübung im Jahre 1945 von den alliierten Behörden ohne Ausnahme mit Verboten belegt wurde. Nachdem sich Fußball, Handball, Leichtathletik u. a. schon unmittelbar nach Beendigung des Krieges neu zu organisieren begannen und den Sportbetrieb wieder aufnahmen, spielten sich etwaige Aktivitäten von Fechtern "im Untergrund" und nach Lage der Dinge illegal ab. Eine wichtige Rolle fiel in dieser Zeit den rheinischen Vereinen in der damals englischen Besatzungszone zu, und hier vor allem dem am 4.11.1949 gegründeten Olympischen Fecht-Club Bonn unter der Führung von Dr. Elmar Waterloh. Die Nähe zu den Repräsentanten der alliierten Kontrollorgane und zu den deutschen Nachkriegspolitikern in der provisorischen Hauptstadt am Rhein führte zu vielen Kontakten, mit deren Hilfe die am 27.11.1949 gegründete Organisation "Deutscher Fechterbund" erreichen konnte, dass die Alliierte Hohe Kommission mit Schreiben vom 21.3.1950 - AG SEC (50)127 - das sportliche Fechten offiziell erlaubte, "soweit es nach den Regeln des Internationalen Fechtverbandes vollzogen wird." Von dieser Erlaubnis blieben das Benutzen von Bajonetten, das Duell und die diesem ähnliche studentische Mensur ausgenommen.

Vereine mit langer fechtsportlicher Tradition traten wieder an die Öffentlichkeit und beherrschten zunächst die neue Fechtszene.

NEUER SPORT IN MOERS
In den Tageszeitungen des alten Kreises Moers, dessen Vereine vor allem im Feldhandball zur deutschen Spitzenklasse zählten, konnte eine kurze
Notiz leicht übersehen werden, mit der den Lesern am 19.8.1950 "die vor einigen Tagen erfolgte (am 1.8.1950 der Autor) Gründung eines Fechtclubs in Moers" zur Kenntnis gebracht wurde.

Neuer Sport in Moers
„Fechtclub Moers 1950" ist gegründet

MOERS. Nun wird auch im Kreise Moers das Fechten als Sport Verbreitung finden. Vor einigen Tagen wurde in Moers der „Fechtclub Moers 1950" ins Leben gerufen. Vorsitzender Fritz Uhlen, Stellv. Hans Günther Krölls, 17 Interessenten haben sich schon dem Fechtclub angeschlossen, darunter vier Damen. Vier männliche Mitglieder (darunter der Gaumeister von Schleswig-Holstein Wendt) und eine Frau betreiben diesen Sport schon seit Jahren. Sobald der Verein in das Vereinsregister eingetragen ist, wird er dem deutschen Fechtverband Bonn beitreten. Die Ausbildung der Anfänger wird Ende August voraussichtlich in dem Saal des Martinstiftes beginnen. Sechs Gesichtsmasken und sechs Floretts sind bereits bestellt. Mitglieder des Fechtclubs Duisburg haben sich vorläufig zur Ausbildung der Moerser bereit erklärt. Nach der Erlangung der notwendigen Bein- und Körpergewandtheit folgt der Umgang mit dem Florett. Später kommt das Säbelfechten dazu. Die Mitglieder des neuen Vereins rekrutieren sich nicht nur aus Moers, sondern auch aus anderen Städten des Kreises."
Ein kleiner Kreis von Interessierten betrat damit in Moers Neuland, während es in den Nachbarstädten Krefeld, Mönchengladbach, Neuss, Duisburg und Mülheim schon vor dem Verbot Fechtvereine oder -abteilungen gegeben hatte. Damit war auch schon für den Anfang der Kreis der denkbaren Kontrahenten abgesteckt, mit denen sich Vorsitzender Fritz Uhlen, Hans-Günter Krölls (2. Vorsitzender und Geschäftsführer) sowie da die übrigen Mitglieder in naher Zukunft messen wollten.

Am 28.8.1950 fand der erste Trainingsabend im Martinsstift statt, mit dem zum Fechtwart ernannten Kurt Haberscheidt aus Baerl als einzigem fechterisch "Vorbelasteten" unter den mittlerweile 30 Mitgliedern. Als sich dann der Spitzenfechter Hugo Kropp aus Duisburg in die Trainingsarbeit einschaltete, ging es so sehr zur Sache, dass sich ein Teil der Gründungsmitglieder zurückzog, während andere , Fechtbegeisterte dem Verein beitraten.

Den während des Trainings entstandenen Durst stillte man in der zum Stammlokal gewählten Gaststätte Leyendecker, in der bereits am 18.11.1950 das erste Clubfest gefeiert werden konnte.



1951

Das früheste Versammlungsprotokoll des jungen Vereins vom 9.2.1951 ist kurz, aber sehr aufschlußreich. Die .. 116 anwesenden Mitglieder erörterten den Zweck des Fechtsports und beschworen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die schon in den beiden vorhergegangenen Jahrzehnten das Bild deutscher Institutionen geprägt hatten - mit den unterschiedlichsten Ergebnissen und Auswirkungen. Nach den Regeln des Fechtverbandes mussten sich fast alle Mitglieder einer Anfängerprüfung unterziehen, um dann als Angehörige der "1. Abteilung" an Wettkämpfen in Duisburg (Meisterschaftsturnier) und Mülheim teilnehmen zu können. Die ersten Vereinsausschlüsse sind ebenso beurkundet wie die Anschaffung einer „Gummi-Fechtbahn" (gerippt, schwarz, 4 mm, 1,00 m breit, 12 m lang).

Nach dem ersten Freundschaftstreffen in Mülheim (Trainingsabend) kam es in schneller Folge zu Vergleichskämpfen in Duisburg, Werden und Hamborn, bei denen die Moerser nicht schlecht abschnitten. Die Namen Linden, E. und H. Brenig und M. Wildenhain standen für erste und zweite Plätze.

Hohe Wellen schlugen die Ereignisse beim Turnier in Duisburg (15.7.1951), das wegen organisatorischer Mängel und "ungebührlichen" Verhaltens des Turnierleiters von den Moerser Turnierteilnehmern per Unterschrift missbilligt wurde. Als Folge dieser Ereignisse kam es zur Bildung eines
Turnierausschusses, der in Zukunft entscheiden sollte, ob es zur Durchführung oder ggf. zum Abbruch eines Turniers kam und wer an welchen Turnieren teilnehmen durfte, wobei "offizielle" und "nichtoffizielle" Turniere die gleiche Behandlung erfuhren. Ein "Bonbon" für Neumitglieder versprach der Vorstand denjenigen, die anlässlich des ersten Clubfestes am 25.11.1951 in den Verein eintreten würden; ihnen wurde die Zahlung des Aufnahmebeitrages (!) erlassen. Über den Erfolg dieser Aktion ist nichts Konkretes überliefert. Dass der Verein jedoch nach gut einem Jahr seines Bestehens bereits den damals bekannten Saal Rösgen auf der Kirchstraße für sein Clubfest auswählte, war nicht zuletzt auf den seit der Vereinsgründung stark angestiegenen Mitgliederbestand zurückzuführen.

1952

Zerreisprobe oder Eröffnung neuer Perspektiven für die sportliche Zukunft des Vereins? Diese Frage stellte sich, als der Vorstand des FechtClubs nach nur zweijähriger Amtszeit sein Mandat niederlegte. Der Fechtwart und komm. Vorsitzende Kurt Haberscheidt übertrug in der Mitgliederversammlung am 26.5.1952 das Präsidium an den neu in den Verein eingetretenen Reg. Vermessungsrat Wilhelm Jansen, nachdem dieser zuvor mit großer Stimmenmehrheit gewählt worden war. Ihm wurden die Herren Brohm, Anlahr, Haberscheidt, Brenig, Linden und Gimbel zur Seite gestellt. Aus dem HV-Protokoll geht hervor, dass sich die Fechter Rolf Stöcker und Ludwig Gimbel bei den Jugend-Landesmeisterschaften ausgezeichnet hatten, bei denen Stöcker mit Florett und Degen in die Jugend-Landessonderklasse aufstieg. In diesem Zusammenhang erklärten die Anwesenden, man wolle Siegerehrungen in Zukunft "in würdiger Form" vornehmen. An diese Vorgabe haben sich die Vorstände des Fecht-Clubs Moers bis zum heutigen Tag gehalten.

BEGINN DER AERA WILHELM JANSEN

Mit dem Amtsantritt von Wilhelm Jansen begannen die ersten Überlegungen und Planungen für den Bau einer vereinseigenen Fechthalle. Das Projekt konnte jedoch zunächst zurückgestellt werden, weil die Stadt Moers Trainingsmöglichkeiten in einer neuen Turnhalle an der Homberger Straße (Mädchengymnasium) in Aussicht stellte. Den 21 Teilnehmern an der Hauptversammlung am 21.7.1952 lag der Entwurf einer noch vom Amtsgericht zu genehmigenden Satzung vor, die - abgesehen von einigen Aktualisierungen - auch heute noch gültig ist.

Wichtige Beschlüsse dieser HV waren u. a. die Beiordnung einer Fechterin (Frau Brenig) zum Fechtwart, die bei entsprechender Größe der weiblichen Riege zum 2. Fechtwart bestellt werden sollte. Fechter und Fechterinnen werden nach Ablegung der Fechterprüfung unverzüglich in die Abteilung übernommen. Jugendliche, die noch Schüler sind, verlassen spätestens um 21 Uhr den Fechtboden. Und schließlich: Abteilungsleiter Brenig bezeichnet die Ausbildung von Jugendlichen als für den Verein lebenswichtig, weil dieser nicht nur von den Leistungen der "Alten" leben könne. Eine Möglichkeit zur Stärkung der Jugendgruppe sah man darin, in Homberg ein "Training für Berglehrlinge" ins Auge zu fassen, weil man wohl meinte, diesem z. T. in großen „Berglehrlingsheimen" lebenden Personenkreis damit ein attraktives Sport und Freizeitangebot zu machen. Im Falle des Gelingens hätte das eine frühe Vorstufe der späteren Schularbeitsgemeinschaften werden können. Die Suche nach neuen Mitgliedern erstreckte sich mittlerweile über den gesamten Kreis, weil der junge Verein hier ein bisheriges sportliches Vakuum zu füllen begann.

1953


Nach einem sportlich ruhigen ersten Halbjahr fand in Moers ein Turnier der Leistungsklasse I mit dem Ziel des Aufstiegs in die Landesklasse statt. Die „Moerser Woche" teilte ihren Lesern mit, dass diese sportliche Großveranstaltung mit der Teilnahme von Vereinen aus Duisburg, Essen, Werden, Hamborn, Mülheim, Rheinhausen und Rheinberg am 28.2./1.3.1953 im Saalbau Schäfer, Neustraße 28, stattfinden werde. Mit der Organisation dieses Turniers betrat der junge Verein Neuland und legte gleichzeitig den Grundstein für eine Turniertradition, die den Fecht-Club Moers weit über die Grenzen Deutschlands hinweg bekannt machen sollte. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung kostete für die damalige Zeit stolze 0,55 DM (einschl. Sportfünfer). Die WAZ berichtete nach dem Turnier sinngemäß, der Zuschauerandrang sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben, und Jugendliche hätten den Saal enttäuscht verlassen, weil bei den Gefechten nicht das Blut geflossen sei, das man in Filmen mit Errol Flynn immer reichlich zu sehen bekam.
Das erste Turnier in Moers

Für das Einzeltraining konnte 1953 mit Prof. Csizmadia ein international bekannter Fechter gewonnen werden, der den mittlerweile auf 50 Mitglieder angewachsenen Verein zusammen mit dem Senior Hugo Kropp "nach vorne bringen" sollte. Inwieweit das Wirken des Ungarn für die guten zweiten Plätze von Hilde und Egon Brenig (jeweils hinter den seinerzeit sehr bekannten Eheleuten Banaszek aus Werden) sowie Platz vier von Martin Wildenhain beim Aufstiegsturnier der Florett- und Säbelfechter in Essen-Werden verantwortlich war, kann der Chronist nicht beurteilen.


1954


Über die sportlichen Aktivitäten in diesem Jahr gibt es nur spärliche Nachrichten. Richtungsweisend im Sinne der Nachwuchsförderung erscheint ein Verstandsbeschluss, jährlich einen Ausflug für die Jugendlichen zu organisieren, eventuell mit einem Bus der damals noch als "gesundes Unternehmen" geltenden Firma Rheinpreussen. Ein Clubabend sollte den persönlichen Kontakt zwischen aktiven und passiven Mitgliedern herstellen bzw. vertiefen .


Das herausragende Sportereignis waren die gut besuchten Clubmeisterschaften im Sommer, an denen 25 Fechter und Fechterinnen teilnahmen, die mittlerweile die Anfängerprüfung abgelegt hatten. Ein Zeitungsbericht weist auf den heute fast vergessenen Umstand hin, dass vier Kampfrichter (heute noch gelegentlich als sog. Seitenrichter angefordert, wenn z.B. die Armhaltung eines Fechters nicht den Vorschriften entspricht) dem Kampfrichterobmann bei jedem Gefecht assistieren mussten, der bei Zweifeln an der Korrektheit einer Aktion eine Mehrheitsentscheidung herbeiführte. Dieser Brauch hat sich am längsten bei den Säbelfechtern erhalten. Die Vereinsmeister 1954 (DFf. I: Frau Anlahr, DFl. II: Frl. Linden, HFl. 1. Herr Wildenhain, HFl. II: Herr Windisch) erhielten Wanderpreis-Plaketten, auf denen sie ihren Namen eingravieren lassen konnten. Für die Zweitplatzierten gab es "künstlerisch gestaltete Diplome". Geehrt und gefeiert wurde im Rahmen eines Clubfestes, an dem auch die Jugendlichen teilnahmen, deren erstes spezielles Sommerfest dem schlechten Wetter zum Opfer gefallen war. Das FestUnterhaltungsprogramm reichte von der "Pack-die-Badehose-ein " -Parodie über politische Florettstiche bis zum Tanz mit der Hauskapelle Prednik und darf als spektakulärer Beginn einer "gehobenen" Festkultur im Fecht-Club Moers angesehen werden.



1955


Sportliche Höhenflüge sind nicht überliefert, obwohl die Mitgliederzahl des Vereins weiter angestiegen war. Um die Trainingsmöglichkeiten zu verbessern, sollte die Errichtung einer vereinseigenen Fechthalle nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Es begannen Grundstücksverhandlungen, um nach gesicherter Finanzierung durch Eigenleistungen (Ausschachtung, Verglasung und Anstrich), LSB-Totogelder sowie Zuschüsse des Kreises und der Stadt Moers bald mit Bau der von Arch. Ing. Brenig geplanten Halle beginnen zu können. Das Baugelände für ein "Schneeweisses Heim im Grünen (NRZ 24.3.1955)“ befand sich am Rande einer großen Grünfläche mit freiem Blick auf die Wallanlage am Nordring mit noch intaktem Baumbestand, hinter der der städtebauliche Wandel in Moers erst langsam in Gang kam. Neben der planerischen Vorstellungen des Architekten standen auch Überlegungen des Vereins-Sportarztes, Dr. Sanden von der Knappschaftsabteilung des Krankenhauses Bethanien, nach Fertigstellung der Halle laufend "die kostenlose Gesundheitsüberwachung der Clubmitglieder in hellen, modernen gemütlichen Räumen vornehmen zu können (NRZ)". Der notwendige Trainingsaufwand der Fechter würde es zulassen, die geplante Halle in der vom Verein nicht beanspruchten Zeit der Stadt und den Grundschulen zur Verfügung zu stellen.

Die für den Verein existenziell wichtige Jugendpflege sollte nach einem von der Hauptversammlung bestätigten Vorstandsbeschluss einem Jugendwart übertragen werden. Die Herren Linden und Wildenhain übten dieses Amt zunächst gemeinsam aus.



1956

Der Anfang ist gemacht. Fortsetzung folgt .....